Madonna mit Handy

Madonna sitzt im Dunkeln, vom Heiligenschein ihres Bildschirms umgeben, Athene schwingt lässig das Bügeleisen, während sie in der anderen Hand das Handy hält; In meiner Linolschnittserie persifliere ich mittelalterliche und antike Darstellungen von Frauengestalten, meist Marienbilder, mit einem Bildschirmmedium im Zentrum, einem Handy oder Laptop.
Die Serie „Madonna mit Handy“ nimmt dabei Bezug auf das romantisierte und ikonisierte Bild der Mutter, deren einziger Blick dem Kind gelten sollte, rückt zugleich kapitalistischen Medienkonsum (das Handy als Abgott) und moderne Kommunikation in den Fokus der Darstellung.

Die Venus mit dem Bügelbrett

: Weiß

Ritter, Ritter, Rössle
z’Breagaz stoht a Schlössle.
Z’Lindau stoht a Cappele,
d’moatla trägend Schappale.
Buobo trägend Moia,
d’henna legend Euior.
D’wible kochend suppo drus,
d’Mäa schleckand subr us.
(Kinderreim)

*Livia Neutsch lebt und arbeitet als Bibliothekarin in Wien.
Ihre Wurzeln hat sie u.a. im Bregenzerwald.
In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich künstlerisch und gestalterisch auf verschiedene Arten mit der Bregenzerwälder Tracht und dem Brauchtum.

Die vielen Gesichter der Juppe

In den letzen Monaten hat sich viel getan in meiner kleinen Juppenwerkstatt. Ich habe weitere Wälderpüppchen in verschiedenen Varianten und Altersstufen gestaltet, die meine Puppenfamilie ergänzen, erstmals auch einen Wälder-Mann.
Eine Zeitung hat über meine Juppenarbeiten berichtet, außerdem werke ich an einem neuen Juppenkleid, und zum ersten Mal, an einer Krone („Schappale“).
Und so langsam war es dann auch Zeit meinem Juppen-Hobby ein eigenes Markenzeichen zugeben.
Zeit also, für ein eigenes Logo: D’Juppofrou.

Verrückt nach Juppen

Ich bin in der Zeitung!

Im April hat die Sonntagsausgabe einer bekannten Vorarlberger Zeitung über meine verschiedenen Arbeiten um die Juppe berichtet. Auf diesen Artikel habe ich sehr viele interessierte und positive Rückmeldungen bekommen, die mich motiviert haben mein leicht verrücktes Hobby weiter zu verfolgen und auch wieder öfter darüber zu schreiben.
Mit Elisabeth Willi, der Redakteurin, die den schönen Artikel gestaltet hat, hatte ich einige sehr nette Interview-Gespräche, in denen wir uns über unser Verhältnis zur Juppe austauschen konnten.

Ein Wälderpüppchen als Dankeschön war also jedenfalls angebracht; es heißt Anka (Kurzform für Anna Katharina), und hat inzwischen gut den Weg nach Vorarlberg gemacht. Nicht nur den schönen Artikel, sondern auch einen jener schönen alten Bregenzerwälder Namen, von denen es gar nicht mehr so viele gibt, hat also der Frühling in meine Juppenwelt gebracht.

A familiy doll history

Weitere Püppchen haben das Licht der Welt erblickt, und werden nun traditionell schon immer auf einer eigenen Überblicks-Tafel verewigt, die in unserer Wohnung hängt. Nach wie vor verschenke ich meine Püppchen bisher ausschließlich an Freunde, interessierte Sammler und Bekannte, und muss mich daher im Wege des Postversandes früher oder später von ihnen trennen. Durch die Tafel habe ich selbst immer einen Überblick über mein Schaffen, auch wenn die Püpppchen nicht mehr in meinem Haushalt leben.

Verschiedene Wälderinnen in unterschiedlichen Alters- und Lebensphasen habe ich inzwischen gestaltet: THRES, eine ältere Wälderin in festlicher Juppe und (da es im März noch recht kalt war): mit einer Brämokappe und einem Dreieckstuch ausgestattet. ANNELE, ein kleines Wälder-Kind in weißer Juppe. Einige wilde rothaarige Frauensgestalten sind auch hinzugekommen, je nach Anlass mit Schäohuat, Spitzkappa oder anderem Equipment versehen.

Wälderzöpfe und Wälderköpfe

Generell habe ich in den letzten Monaten mehr Zeit in möglichst natürliche Haartracht, die aufwendige Zopffrisur und die passenden Accessoires gesteckt, wofür ich mit Schafwolle (ja :), Samtband und verschiedenen Flecht-Frisuren vertraut wurde.

„Seien wir ehrlich: Ich bin inzwischen eine verrückte Puppenmacherin geworden, in unserer Wohnung quellen da wie dort Wollknäuel, Bordüren und Knöpfe aus verschiedenen Schubladen (wohin mans vor dem Kind halt rettet;), und an den höher gelegenen Haken in Bad und Küche hängen frisch bemalte Puppenköpfchen aus Holz zum Trocknen..“

An Wälderbua zum Ma

Und dann, nun ja, dann wurde es auch endlich Zeit für einen Mann! Die Wäldertracht für den Mann ist ja eher eine Mischung aus Fantasieprodukt und Verzweiflungstat, genau genommen existiert nicht wirklich eine praktizierte Form dieser Kleidung für den Mann. Was die Wäldermänner am ehesten zu Festen tragen, firmiert gemeinhin wohl unter „Musiktracht“, das heißt also Kniebundhosen, Westen bzw. Wämser, eventuell ist auch Loden oder Filz im Spiel. Was man am ehesten als Wälder Männertracht findet (ein Fez-artiger Kopfschmuck mit Verzierungen), konnte mir jedenfalls nur wenig Begeisterung entlocken, zumal die Wahrhaftigkeit dieser Tradition zumindest fraglich ist. Also habe ich mir einen schlichten Trachtenmann mit Schäohuat gestaltet, unten rechts was ich als Vorlage im Internet fand. Der Mann, er ist nunmal angesichts des feierlichen Juppenschatzes der Frauen, nur eine dezente Beigestalt..

Im Endeffekt sah mein erstes männliches Püppchen zunächst ein bisschen aus wie Mozart, dann wie ein bayrischer Musikant, und zwischendurch wie ein Fussballer. Kurz und gut: Es wird bei diesem einen Exemplar bleiben.

Zuletzt habe ich mich noch an etwas sehr Kühnes gewagt. Aus Goldfäden häkele ich in geduldiger Kleinarbeit mein eigenes kleines Krönchen – ein Schappale. Dieses wurde traditionell eigentlich nur von jungen unverheirateten Frauen getragen (Jungfrauen, so to say), ein letztes Mal bei der Hochzeit. Obwohl es also fast ein wenig ein Sakrileg darstellt, dass ich mich als in Wien lebende, längst dem Bregenzerwald entwachsene und verheiratete Frau an so einem kulturell aufgeladenen Symbol probiere, möchte ich den Versuch wagen, eine kleines goldenes Krönele zu fertigen. Verfolgen Sie mich dazu gerne weiter..

Lesen Sie HIER, wie mein Logo „Die Juppofrou“ entstand.

*Livia Neutsch ist Bibliothekarin in Wien, hat Wurzeln in Bezau im Bregenzerwald und einen Faible für textile Experimente.

Mein eigenes Logo: Die Juppofrou

Über das allmähliche Verfertigen des Logos beim Denken

Schon lange habe ich davon geträumt, meinem ganzen Schaffen um die Bregenzerwälder Juppe ein eigenes Markenzeichen zu geben. Nachdem im April auch eine größere Vorarlberger Zeitung über mein Wirken berichtete, die Püppchen, die Kleider, und meine Faszination für die Juppe, war es dann endgültig soweit: Zeit für ein eigenes Logo.

Schon in den Weihnachtsferien hatte ich mich mit einer eigenen Marke beschäftigt – klar war: Mir schwebte eine stilisierte Wälderin in Juppe vor. Um mich anzunähern arbeitete ich mit altmodischen Materialien: Salzteig, und verschiedenen Druckverfahren, die in jedem normalen Haushalt möglich sind: zB Kartoffeldruck.

Diese Techniken habe ich allesamt von unserer lieben Kinderfrau Erni Sommer erlernt. Sie hat mir gezeigt wie man Kastanienmännchen bastelt, Fischstäbchen kocht und mit Kartoffeln schöne farbige Drucke erzeugt. Techniken, die mir bis heute nützlich sind.

Im Keller meiner Eltern fand ich dünne Hölzchen, und experimentierte daraufhin eine zeitlang mit Varianten der Schindel. Diese dient bei den alten klassischen Bregenzerwälder Häusern als hölzerne Außenverkleidung.

Verschiedene Postkarten, die ich um Weihnachten erstellte, zeigen die Bregenzerwälder Schindel (auch als Aufhängung für meine Püppchen-Mobiles), und die bekannte Spitzkappa.

Manche Zwischenvarianten wurden auch wieder verworfen. So druckte ich einmal eine Wälderin, die kitschig am Brunnen Wasser schöpfen sollte. Mein Vater und verschiedene andere Familienmitglieder versicherten unabhängig voneinander, sie sähen darin einen Hund der eine alte Frau vor einem Holzfass attackiert..

Die Farbgebung war indes bei allen Versuchen wenig überraschend: Die Farben der Juppe tauchen auf, das Rot des Mieders, und natürlich der blaue Streifen.

Die ersten Drucke machte ich auf Küchenkrepp.

Druckwerkstatt

Einige dieser Karten und Drucke verwende ich schon seit geraumer Zeit, um meine Püppchen zu versenden und zu verpacken, und ihnen den richtigen Anstrich zu geben.

In Wien hat mir schließlich mein Mann, der alle meine Wahnsinnigkeiten unterstützt, mit seiner alten Schreibmaschine schöne Mottos auf Büttenpapier gedruckt – alles sollte natürlich recht „handmade“ und rustikal aussehen. Die Karten mit den getippten Mottos zeichnen einen Querschnitt durch das Bregenzerwälder Literatur- und Liedgut, von Franz Michael Felder, über Gebhard Wölfle, bis hin zu den Holstuanan/ „Vo Mellau bis ge Schoppernau“..

Liedgut

Ein bekanntes Bregenzerwälder Lied, das bei uns gerne gesungen wird, erzählt von der letztlich erfolgreichen Werbung eines Mannes um eine Frau. Auch dieses Stück musste natürlich einmal zur Geltung kommen – im Endeffekt erhört ihn die Frau, damit er „eine Ruhe gibt“. Ob man das nun vor feministischem Hintergrund für problematisch, oder mit reichlichem Augenzwinkern aufnimmt, was das Lied durchaus freistellt, lassen wir für den Augenblick einmal offen. Versöhnlich stimmt, und das ist auch in diesen älteren Liedern recht klar – die Frau, sie hat im Bregenzerwald die Hosen an, bzw. die Juppe. Und eigentlich ist SIE es, die bestimmt wo es lang geht…

Das endgültige Logo hat mein Mann mit moderneren Techniken in eine Visitenkarte gegossen und in Druck gegeben, und sie lässt mein Herz bis jetzt jeden Tag höher schlagen.

So bin ich es jetzt also: Die Juppofrou.

Wälderpüpple

Im Sommer habe ich versucht mir mit Textilkleber und viel Experimentierfreude eine eigene Version der Wälder Tracht zu erschaffen. Dann kam der Herbst, und nachdem mir meine Mutter als schneiderische Beraterin und Komplizin nur noch über die Distanz zur Verfügung stand, tat ich eben das, was viele Künstler in der Verzweiflung tun: Ich verkleinerte mich notgedrungen in der Form. Inzwischen fertige ich mit einigem Humor individuelle Anziehpüppchen mit Bregenzerwälder Accessoires, Weihnachtsschmuck und Schlüsselanhänger. Mit etwas Stolz kann ich mich mittlerweile als verrückte Puppenmacherin bezeichnen...

Zugegeben, die ersten Versuche gerieten etwas gruselig. Bald aber schon entwickelten meine Püppchen eigene Persönlichkeiten.

Lisl, Rosa und Mikatrin

Die erste Puppe, die ich machte, war Lisl. Eine freche kleine Wälderin, mit ausdrucksvollen Augen, die ihr etwas Alien-haftes verliehen, und einer etwas stürmischen Zopffrisur. Sie sah aus, wie eine kleine Amazone. In die korrekte Nachbildung der Bregenzerwälder Zopffrisur habe ich später noch viel Gedanken verwandt.

Das langweiligste am Puppenmachen für mich das Häkeln des Körpers, es dauert auch relativ lang. Dafür macht das Frisurenmachen dann umso mehr Spaß. Das Sticken von Gesichtern wiederum ist Glückssache, man weiß nie so genau wie es wird.

Zu meinem Prototyp „Lisl“ gesellten sich dann noch die etwas grobschlächtige „Mikatrin“ (Bregenzerwälderische Kurzform für Maria Katharina), und die tugendhafte Rosa, natürlich im Hochzeitskleid. Mikatrin ähnelt laut meiner Schwiegermutter der Volksschauspielerin Annie Rosar.

Für die Braut in weißer Juppe versuchte ich mich dann auch an einem „Schappale“ und umhäkelte zunächst mit Goldfaden einen Sektkorken – in diesem Zusammenhang lernte ich was eine Agraffe ist. Die entstandene Krone geriet zu groß – die Puppe sah aus wie eine mongolische Kriegerprinzessin, also verlegte ich mich aufs Häkeln des Schappale ohne Gerüst, quasi freihändig, was etwas Übung erfordert aber im Prinzip meistens ganz gut gelang.

Lisl und Mikatrin

Verschiedene Wälderfrisuren – eine eigene Kunst

Mariella

Für meinen Vater fertigte ich zum Geburtstag schließlich eine kleine Puppe mit kompletter Kleider-Ausstattung, die ich als mein bisheriges Meisterstück bezeichnen würde – Mariella.

Sie kommt mit einem praktischen, alltagstauglichen „Schāohuat“, aber ich habe ihr – ganz nach dem Vorbild der Anzieh-Puppen der 50er Jahre – ein komplettes Set zusammengestellt, das auch eine „Spitzkappa“ und ein Dreieckstuch beinhaltet, falls sie mal ganz als anständige Dame in die Kirche gehen will. Dieses Dreieckstuch, manchmal mit Fransen, nennt man im Bregenzerwald den „Schal“. Auch ein „Schappale“ hat die kleine Puppe im Gepäck, für den Fall dass sie sich doch noch mal entschließen sollte zu heiraten und einen ihrer zahlreichen Verehrer zu erhören.. Ich glaube ja, sie verdreht allen Männern im Dorf den Kopf.. Man munkelt, dass sie auf dem Berg auf dem sie wohnt teuflische Rituale feiert, zu denen sie die Jünglinge aus dem Dorf einlädt.


Inzwischen sind die Wälderinnen in unserer ganzen Wohnung eingezogen – aus jeder Ecke taumeln sie einem entgegen – ich stelle sie auf Eierbecher und hänge sie an Türknäufe und Kleiderhaken, wo ich ihnen feine Gesichter zeichne, und zierliche Flechtfrisuren mache. Sie sind wie eine Armee, die ständig wächst, und obwohl ich zu Weihnachten einige versandt habe, ist ihre Zahl nur unbedeutend geschrumpft.

Gruppenbild mit Wälderin

Zuletzt habe ich verschiedene Überlegungen angestellt, wie ich gute Kombinationen von Püppchen zu einem Mobile fassen könnte, und dabei die Bregenzerwälder Schindel als Aufhängung dienen könnte. Ich denke immer, ich hätte mich am Thema Juppe nun langsam genug abgearbeitet – aber mir fallen stets neue Formen ein, wie ich mich an das Thema Wälderin annähern könnte..:) Die Tracht lässt mich einfach nicht los.

Juppowerkstatt

Ich habe immer davon geträumt mir ein Alltagskleid zu schaffen, das abstrakte Merkmale der Bregenzerwälder Juppe aufgreift und modern interpretiert: Der blaue Streifen im schwarzen Faltenrock, der „Bleatz“ als Miederschmuck – überhaupt diese stolzen, lebensklugen, oft sehr humorvollen Frauen aus dem Bregenzerwald: Mich hat das immer wahnsinnig fasziniert, und mit gewissem Selbstbewusstsein sehe ich mich selbst in ihrer Tradition.

In meiner Familie gibt es natürlich echte Juppen(-kultur), klar – ich habe hier darüber geschrieben. Aber im Alltag trägt man die echte Juppe nicht: Viel zu aufwendig, zu unbequem, zumal als Frau mit Bregenzerwälder Wurzeln, die es berufs- und der Liebe wegen nach Wien verschlagen hat. Aber ich dachte immer – ein Alltagskleid, das zart an die Tracht erinnert – das würde ich mit einem gewissen ironischen Augenaufschlag sehr wohl und auch sehr gerne tragen.

Blieb nur ein Problem: Ich kann nicht nähen. Also wirklich so gar nicht, ich habe hier darüber geschrieben. Ich kann einen Knopf annähen, das schaffe ich gerade noch so, aber dann ist fertig. Allerdings habe ich etwas anderes: Eine ungemeine Lust am Dilettantismus! Ich probiere gerne Sachen aus, bei allen Projekten, auch bei meinen literarischen und musikalischen frage ich mich stets, nicht „Geht das noch schöner?“ sondern „Geht das noch einfacher?“. So wars getan.

Ich habe mir selbst mit Isolierband, UHU Alleskleber und viel Mut zur Improvisation meine eigene Version der Bregenzerwälder Juppe erschaffen, oder sagen wir: Einige erste Prototypen. Mein Mann, der all meinen Wahnsinn unterstützt hat Fotos davon gemacht, und meine Mutter hat mich beraten (obwohl ihr teilweise wohl die Haare zu Berge standen). Ich werde versuchen hier ein wenig von dem Prozess der Entstehung zu dokumentieren.

Juppowerkstatt ll

Wäldare at heart

Juppe reloaded

Juppe reloaded

Gemeinsam mit meiner Mutter habe ich meine Idee von einem Kleid weiter betrieben, das die wesentlichen Teile der Juppe aufgreift und sich trotzdem im Sommer gut tragen lässt. Ein erster Prototyp fiel gelungen aus. Und das, obwohl ich gar nicht nähen kann...

Welcome to my little Juppe world!

Was bis hierhin durch meine Juppen-Experimente entstanden ist macht mich sehr glücklich: Ich wollte ein Kleid schaffen, das auf eindeutige, vielleicht etwas plakative und trashige Art an die Juppe erinnert, so ungefähr wie wenn man ein Stück von einer Melodie pfeift und alle gleich sagen: „Moment mal, das kenn ich doch!“ Der blaue Streifen im unteren Teil und der Bleatz im oberen fungieren dabei als modische Zitate, die man leicht erkennen kann – sie beschwören das Bild der „echten“ Bregenzerwälder Juppe herauf und sagen gleichzeitig doch: „Ich bins, aber ich bins nicht in echt, ich tu nur ein bisserl so als ob..“. Mit diesen etwas kecken und verspielten Interpretationen sind für mich Wälderin und Juppe in der Gegenwart angekommen..

Projekt BLEATZ

Dieser Blog handelt ja vom Dilettantismus, und wie man damit sehr glücklich werden kann. Insofern wird es Sie an dieser Stelle nicht erstaunen, dass ich nicht nur NICHT nähen kann, ich kann auch NICHT sticken.

Die eigentliche Herausforderung an meinem Juppenprojekt stand ja noch aus: Ich wollte versuchen selbst einen „Bleatz“ zu fertigen. Der Bleatz (auch wenn Wikipedia das anders schreibt) ist ein bestickter Schmuckbesatz, meistens werden Goldfäden eingewoben. Er sitzt auf dem Mieder der Frau, ich würde fast sagen: dort wo das Herz ist, relativ hoch jedenfalls, und macht im oberen Teil des Kleides das wesentliche Kernstück aus. Man könnte sagen: Der Bleatz ist das eigentliche Highlight der Juppe.

Für meinen Bleatz habe ich verschiedene Zeilen von Geschenkbändern übereinander aufgeklebt, und diese dann mit einem Netz aus goldenen Fäden fixiert. An dieser Stelle habe ich tatsächlich etwas sticken müssen, damit das Ganze gut zusammenhält.

Meinen gefertigten Bleatz habe ich mit einem roten Filzstück umgeben (diese gibt es günstig in allen Farben zu kaufen) und eine Borte aus schwarzem Samt drum herum geklebt. Der Textilkleber war also auch in diesen Phasen noch mein zuverlässiger Freund, aber: Damit ein fertiger Bleatz entsteht hat meine Mutter anschließend das Ganze eingefasst und auf ein rotes Stoffstück genäht, wobei der Stoff „gestürzt“ wurde. Ich muss das hier erwähnen, weil mir inzwischen so genau erklärt wurde, warum das wichtig ist. Kurz gesagt umnäht man die Aussenkanten zweier aufeinander liegender Stoffschichten und lässt dabei einen Rand, und dann macht man etwas, was der moderne Mensch nur aus der Psychotherapie kennt: Man kehrt sein Innerstes nach außen. Also jedenfalls: Stürzen, tolle Sache! Was entstanden ist ähnelte dann also technisch einer Art Stofftasche, die man in jedes Mieder einfüllen kann, ungefähr so wie eine Folie, die man zwischen zwei Glasscheiben klemmt, und das ist beim echten Bleatz ja auch so ähnlich.

Ein Bleatz zum Wechseln

Der absolute Game Changer waren dann noch Klettbänder zum Aufkleben: Weil der erste Entwurf vom Bleatz gleich so schön geraten ist, wollte ich eine alte Idee wieder aufgreifen und den Bleatz zum Wechseln auf verschiedene Kleider machen. Das ist unter anderem deswegen von Vorteil, weil der bestickte Teil mit dem Filz ja auch gar nicht waschmaschinentauglich ist, die Bluse darunter aber sehr wohl. Dafür habe ich Klettband bestellt und auf der Rückseite vom Bleatz sowie auf der Bluse aufgeklebt. Fertig war der Wechsel-Bleatz! Unten gibt es zur Abrundung ein Video davon.

Gleich zwei „Jüpplare“ im oberen Bild, links am Rand eines der genialen Juppenfrauen-Bilder von Ulrike Maria Kleber, von denen auch ich einige besitze – eine meiner wichtigsten Inspirationen.


Wäldare at heart

Ich habe mir selbst mit Isolierband, UHU Alleskleber und viel Mut zur Improvisation meine eigene alltagstaugliche Interpretation der Bregenzerwälder Juppe erschaffen. Mein Mann, der all meinen Wahnsinn unterstützt hat Fotos davon gemacht, und meine Mutter hat mich beraten (obwohl ihr teilweise wohl die Haare zu Berge standen). Unter dem Motto „Wäldare at heart“ habe ich Eindrücke von den bisherigen Ergebnissen zusammengefasst.

Zum vorläufigen Abschluss meiner Juppenserie haben wir ein Fotos im abendlichen Augarten gemacht, inklusive Umziehen im Freien und Kleinkind im Gepäck. It was fun.

An diesem Bild ist so ziemlich alles Betrug

An diesem Bild oben ist so ziemlich alles Betrug: Der Garten, über den der müde Blick schweift – nicht meiner, sondern der Augarten. Das Gartengerät, auf das sich die müde Gärtnerin stützt – nur ein leerer Besenstil ohne Bürste. Und auch die Wälderin und die Juppe sind, wie aufgeführt, nur zur Hälfte echt;) It’s all about the Inszenierung.
Das mitunter Schöne an Trachten, jedenfalls meinem Verständnis davon, ist dass sie sich über Jahrhunderte hinweg in einem dynamischen Prozess auch immer verändert und entwickelt haben, sich dem Alltag angepasst haben. Das bedingt, dass es auch verspielt sein darf, und man Dinge ausprobieren kann, die sich abseits dem etwas konservativen und verstaubten Klischee bewegen, das man von Tracht hat.

Das Projekt ist an dieser Stelle nicht beendet. Im Augenblick arbeite ich an einem Bleatz. Mein Traum wäre ein aufgebügeltes Klettband mit einem „mobilen“ Bleatz, den ich flexibel auf verschiedene Oberteile wechseln könnte. Mit den entstandenen Prototypen (einem Rotmieder und einem Schwarzmieder mit jeweils zwei unterschiedlichen Rocklängen), kann ich jedenfalls weitere Ideen spinnen, was ein Glück gibt es in meinem Freundes- und Verwandtenkreis auch einige begabte Näherinnen, die mich beraten oder eventuell sogar anhand dem entstandenen Modell weiterdenken könnten. Eine Freundin von mir ist sogar Textilrestauratorin geworden, eine andere ehemalige Schulkollegin hat sich mit einem Unternehmen selbstständig gemacht, und fertigt mit verschiedenen Druckverfahren Aufdrucke und Beschriftungen, es heißt Plotternaht, bzw. „Plott und Paste“.

Ich denke, ich werde beide Damen in nächster Zeit behelligen, und meine Idee der Alltagsjuppe weiter spinnen..:)

*Livia Neutsch ist Bibliothekarin in Wien, hat Wurzeln in Bezau im Bregenzerwald und einen Faible für textile Experimente.