Ein Ratgeber für junge Eltern.


Das Baby ist mit erhobenen Händen eingeschlafen. Die kleinen Finger zeigen in die Luft, es sieht aus, als würden sie ein winzig kleines, unsichtbares Orchester dirigieren.
Eltern sein macht schon etwas wunderlich. Am wunderlichsten ist, dass man mitunter oder eigentlich häufig das Bedürfnis hat sich der Welt dazu mitzuteilen. So als hätte vorher noch nie jemand diese tiefgreifende Erfahrung gemacht, die Erfahrung des Kinderhabens.
„Pfffffrrrrt!“
Ich plustere meine Lippen auf, und mache ein langezogenes Geräusch, das dem eines saftigen Furzes entspricht. Das Baby strahlt mich an, als wäre dieses Geräusch die Antwort auf alle Fragen, die es momentan an das Leben hat. NIEMALS hat je eine Studierendengruppe in einem meiner Kurse so gebannt an meinen Lippen gehangen, wie dieses Baby, wenn ich das Furzgeräusch mache.
„Egaga!“ sagt sie darauf hin überzeugt. Und ich wiederhole brav, und so als wüsste ich genau was damit gemeint ist: „Egaga?“. Sie nickt bestätigend. Ich versuche ihre Sprache zu lernen (denn wieso sollte meine Sprache die richtige sein) und sie ist geduldig mit mir. So nähern wir uns langsam einander an.

Ein erstes Wort hat das Kind auch schon gesprochen: „Etzel!“. Der Hunnenkönig, nun, warum nicht. Als Germanistenhaushalt nahmen wir es erfreut zur Kenntnis. Möglicherweise hat sie auch „Öppfl!“ gesagt, was Vorarlbergerisch für „Äpfel“ wäre, oder möglicherweise hat sie auch nur äußerst eindrucksvoll gerülpst, und überhaupt, wer wird das schon so genau wissen wollen – der Fall ist ohnehin klar: Das Kind ist hochbegabt.

Glaubt man dem einschlägigen Fachwerk, dann hat sie noch keine Objektpermanenz. Sie weiß noch nicht, dass Mama nicht aufhört zu existieren, wenn sie den Raum verlässt, oder dass die eigenen Fäuste auch noch da sind, wenn sie in einem Ärmel aus dem Blickfeld verschwinden. Dafür, dass sie mit dieser gewaltigen existenziellen Unsicherheit lebt, ist sie ein erstaunlich entspannter Charakter. Sie ist ein zufriedenes Kind. Zufrieden ist das neue Wort, denn „brav“ soll man nicht mehr sagen. „Brav“ klingt zu sehr nach dem Staub der Vergangenheit, nach funktionieren müssen, nach Anspruchshaltung (und wer will sich die schon nachsagen lassen). Nur Vertretern der älteren Generation passiert es noch, dass unbefangen gefragt wird „Und, schläft das Kind denn nachts brav?“, oder „Isst es denn auch brav?“. Wir können da wie dort entwarnen: Wir haben ein zufriedenes Kind 🙂

Zeug, alles ist plötzlich voller Zeug
Ich hänge Spielzeuge an kleine Galgen, wie kleine Gefangene baumeln sie, dazu verurteilt vor der Nase meiner Tochter zu tanzen, die ihre kleinen Finger oder ihren Mund in sie vergräbt.
Plötzlich ist die Wohnung voller Zeug. Es kommt aus allen Ecken, zusätzlich zu dem Zeug das man sich selbst einbildet, kommt noch das Zeug, das man von Verwandten geschenkt oder lieben Freunden geliehen bekommt, und alles wird laufend zu klein, zu eng, es ist ein ständiges Aussortieren, Ausmustern, Bestandsaufnahme machen, für jedes der abgestoßenen Teile, über die das Kind in seiner rasenden Entwicklung hinauswächst, handelt man sich flugs dreimal so viel neue ein. Wir sind ein Flohmarkt geworden, und ahnen, dass das die nächsten Jahrzehnte so bleiben wird.
Tage, die sich anfühlen wie Berge, die es zu erklimmen gilt
Ich lerne jeden Tag neues und das Baby auch, ich kann „Bi-Ba-Butze Mann“ singen während ich gleichzeitig die Zähne putze, ich kann dem Amazon-Mann öffnen und seine Zustellnotiz unterschreiben, während ich auf einem Arm das weinende Kind schaukele, ich kenne alle Supermärkte in der Umgebung in einem Detailreichtum auswendig, der mir Angst bereitet, ich kenne Sonderangebote und weiß, wo es was gerade im Rabatt gibt.
In der Zwischenzeit erzähle ich dem Kind und uns selbst die großen Lügen der Elternschaft:
„Wir sind gleich daheim!“ (im ganzen Stadtgebiet anwendbar)
„Ich bin ja da!“ (vom WC aus gerufen), und, vielleicht die schlimmste Lüge:
„Alles wird gut.“

Gell?
Abseits dieser Phrasen bin ich sowieso überzeugt davon, dass unsere Tochter einmal denken wird, sie hieße „Gell!„, denn damit enden viele meiner Sätze. Hatte ich mir doch geschworen so früh wie möglich mit dem Kind zu reden wie mit einem vernünftigen Wesen, höre ich doch wie süße, niedliche Absonderlichkeiten über meine Lippen stolpern „Jetzt gehen wir nach draußen, gell?“ „Hörst du die Raben, gell?“ „Hast du gut geschlafen, gell?“ usw. Eine Art der Selbstversicherung, die wahrscheinlich nicht ihr, sondern mir selbst gilt.
Wir googeln „Ist das normal?“, mehrmals die Woche googeln wir „ist das normal?“ und stellen fest, dass wir nicht nur sehr normal sind, sondern uns auch dieselben Fragen stellen wie alle Eltern.
Vor der Geburt unserer Tochter, als wir manchmal so sprachen wie das wohl werden wird und was wir noch besorgen müssen, meinte ich oft ganz lässig: „Wir werden uns einfach an das älteste Fachwerk der Welt halten: Darin steht, dass man das Kind in Windeln wickeln und in eine Krippe legen soll. Außerdem steht ein guter Ratschlag drin:
Fürchtet euch nicht.
– Gell?