‚Ich glaube, die Batterie wird bald leer, wir müssen ihn wieder aufladen.‘
4. Riding the wave/Den Wahnsinn genießen lernen
‚Irgendwie ist sie mir plötzlich ans Herz gewachsen..‘
5. Follow the path/Den Weg weitergehen
‚Was sind das für Flecken?/Ist das Fieber?/Wird sie heute Nacht schlafen?Isst sie genug? Bin ich/was ist eine gute Mutter?..‘‚Entschuldigung, Madame?‘‚Sind das Ihre Sorgen?‘‚Ich muss sie am Weg verloren haben..‘
Livia Neutsch ist Bibliothekarin in Wien und wollte eigentlich nie über Mutterschaft und so was bloggen, so here we are.
*Szenen sind beispielhaft, daher mal Junge mal Mädchen.
Das Baby ist mit erhobenen Händen eingeschlafen. Die kleinen Finger zeigen in die Luft, es sieht aus, als würden sie ein winzig kleines, unsichtbares Orchester dirigieren.
Eltern sein macht schon etwas wunderlich. Am wunderlichsten ist, dass man mitunter oder eigentlich häufig das Bedürfnis hat sich der Welt dazu mitzuteilen. So als hätte vorher noch nie jemand diese tiefgreifende Erfahrung gemacht, die Erfahrung des Kinderhabens.
„Pfffffrrrrt!“ Ich plustere meine Lippen auf, und mache ein langezogenes Geräusch, das dem eines saftigen Furzes entspricht. Das Baby strahlt mich an, als wäre dieses Geräusch die Antwort auf alle Fragen, die es momentan an das Leben hat. NIEMALS hat je eine Studierendengruppe in einem meiner Kurse so gebannt an meinen Lippen gehangen, wie dieses Baby, wenn ich das Furzgeräusch mache.
„Egaga!“ sagt sie darauf hin überzeugt. Und ich wiederhole brav, und so als wüsste ich genau was damit gemeint ist: „Egaga?“. Sie nickt bestätigend. Ich versuche ihre Sprache zu lernen (denn wieso sollte meine Sprache die richtige sein) und sie ist geduldig mit mir. So nähern wir uns langsam einander an.
Ein erstes Wort hat das Kind auch schon gesprochen: „Etzel!“. Der Hunnenkönig, nun, warum nicht. Als Germanistenhaushalt nahmen wir es erfreut zur Kenntnis. Möglicherweise hat sie auch „Öppfl!“ gesagt, was Vorarlbergerisch für „Äpfel“ wäre, oder möglicherweise hat sie auch nur äußerst eindrucksvoll gerülpst, und überhaupt, wer wird das schon so genau wissen wollen – der Fall ist ohnehin klar: Das Kind ist hochbegabt.
Glaubt man dem einschlägigen Fachwerk, dann hat sie noch keine Objektpermanenz. Sie weiß noch nicht, dass Mama nicht aufhört zu existieren, wenn sie den Raum verlässt, oder dass die eigenen Fäuste auch noch da sind, wenn sie in einem Ärmel aus dem Blickfeld verschwinden. Dafür, dass sie mit dieser gewaltigen existenziellen Unsicherheit lebt, ist sie ein erstaunlich entspannter Charakter. Sie ist ein zufriedenes Kind. Zufrieden ist das neue Wort, denn „brav“ soll man nicht mehr sagen. „Brav“ klingt zu sehr nach dem Staub der Vergangenheit, nach funktionieren müssen, nach Anspruchshaltung (und wer will sich die schon nachsagen lassen). Nur Vertretern der älteren Generation passiert es noch, dass unbefangen gefragt wird „Und, schläft das Kind denn nachts brav?“, oder „Isst es denn auch brav?“. Wir können da wie dort entwarnen: Wir haben ein zufriedenes Kind 🙂
Zeug, alles ist plötzlich voller Zeug
Ich hänge Spielzeuge an kleine Galgen, wie kleine Gefangene baumeln sie, dazu verurteilt vor der Nase meiner Tochter zu tanzen, die ihre kleinen Finger oder ihren Mund in sie vergräbt.
Plötzlich ist die Wohnung voller Zeug. Es kommt aus allen Ecken, zusätzlich zu dem Zeug das man sich selbst einbildet, kommt noch das Zeug, das man von Verwandten geschenkt oder lieben Freunden geliehen bekommt, und alles wird laufend zu klein, zu eng, es ist ein ständiges Aussortieren, Ausmustern, Bestandsaufnahme machen, für jedes der abgestoßenen Teile, über die das Kind in seiner rasenden Entwicklung hinauswächst, handelt man sich flugs dreimal so viel neue ein. Wir sind ein Flohmarkt geworden, und ahnen, dass das die nächsten Jahrzehnte so bleiben wird.
Tage, die sich anfühlen wie Berge, die es zu erklimmen gilt
Ich lerne jeden Tag neues und das Baby auch, ich kann „Bi-Ba-Butze Mann“ singen während ich gleichzeitig die Zähne putze, ich kann dem Amazon-Mann öffnen und seine Zustellnotiz unterschreiben, während ich auf einem Arm das weinende Kind schaukele, ich kenne alle Supermärkte in der Umgebung in einem Detailreichtum auswendig, der mir Angst bereitet, ich kenne Sonderangebote und weiß, wo es was gerade im Rabatt gibt. In der Zwischenzeit erzähle ich dem Kind und uns selbst die großen Lügen der Elternschaft:
„Wir sind gleich daheim!“ (im ganzen Stadtgebiet anwendbar) „Ich bin ja da!“ (vom WC aus gerufen), und, vielleicht die schlimmste Lüge: „Alles wird gut.“
Gell?
Abseits dieser Phrasen bin ich sowieso überzeugt davon, dass unsere Tochter einmal denken wird, sie hieße „Gell!„, denn damit enden viele meiner Sätze. Hatte ich mir doch geschworen so früh wie möglich mit dem Kind zu reden wie mit einem vernünftigen Wesen, höre ich doch wie süße, niedliche Absonderlichkeiten über meine Lippen stolpern „Jetzt gehen wir nach draußen, gell?“ „Hörst du die Raben, gell?“ „Hast du gut geschlafen, gell?“ usw. Eine Art der Selbstversicherung, die wahrscheinlich nicht ihr, sondern mir selbst gilt.
Wir googeln „Ist das normal?“, mehrmals die Woche googeln wir „ist das normal?“ und stellen fest, dass wir nicht nur sehr normal sind, sondern uns auch dieselben Fragen stellen wie alle Eltern.
Vor der Geburt unserer Tochter, als wir manchmal so sprachen wie das wohl werden wird und was wir noch besorgen müssen, meinte ich oft ganz lässig: „Wir werden uns einfach an das älteste Fachwerk der Welt halten: Darin steht, dass man das Kind in Windeln wickeln und in eine Krippe legen soll. Außerdem steht ein guter Ratschlag drin:
In Vorarlberg kennt ihn jedes Kind: Den Milchpilz. Ein überlebensgroßer Fliegenpilz an der Bregenzer Seepromenade, der als Kiosk für Milchspezialitäten dient und als eine Art Wahrzeichen der Stadt gelten kann. Den Milchpilz gibt es seit den 50er Jahren, als diese Form von Kiosk in Serie produziert wurde. Als Kinder hat er uns zutiefst fasziniert, wegen seiner Größe und Form, die man schon aus weiter Ferne sehen kann. Witzigerweise habe ich dort, so wie wahrscheinlich die meisten Kinder nur sehr selten etwas gekauft, und mich stets nur an seinem Anblick erfreut. Der Milchpilz macht fröhlich und soll Glück für das neue Jahr bringen!
Als Goschawealla bezeichnet der Vorarlberger kleine, lästige Wellen auf dem Bodensee, die einem beim Schwimmen die ganze Zeit ins Gesicht schwappen, als würde einem der See penetrante kleine Watschen verpassen. Dieses Phänomen begegnet nur bei einer bestimmten, mittelstarken Windlage, die im Prinzip gutes Segelwetter verheißt, zum Schwimmen aber nicht so ideal ist. Die Vorarlberger sagen dann: Hüt hats Goschawealla.
— Aus der Vorarlberger Mundart.
In einem übertragenen Sinn stehen sie in diesem Blog für kleine Erzählungen, Sprüche und Beobachtungen aus dem Alltag, die gerne etwas frech und ungefiltert daherkommen und den Leser ziemlich unvermittelt treffen; goschawealla eben.
Khörig sein, oder auch ghörig, ist eines der obersten Lebensprinzipien der Vorarlberger, Kelsen hätte vermutlich gesagt, die Vorarlberger Grundnorm. Ich schreibe das Wort grundsätzlich mit K, weil man es so spricht, was Nicht-Vorarlberger etwas vom Ursprung des Wortes GEHÖRIG ablenken könnte.
Dinge, die khörig sind, gelten als sittlich, moralisch anständig, ordentlich, angemessen, richtig und den lokalen Gepflogenheiten entsprechend. In einem weiteren Sinne wird es auch als Größenmaß („a khörige Portion Speck“), Längenmaß („a khörigs Stuck bis Schoppernau“) und Gradmesser für Stabilität und Verfestigtheit einer Sache („a ghörige Wand/Hütte/Straße“) verwendet. Fernere Verwandtschaft im Gebrauch sehe ich tatsächlich beim Wort zünftig („a zünftige/khörige Lederhose“, a „zünftige/khörige Feier“ oder auch „a zünftige/khörige Watsche“), das auch mit fachgerecht, fachgemäß übersetzt wird.
Was ist, und wie wird man khörig?
Tua wia d Lüt, denn goht am wia dLüt (Mach es wie die anderen Leute, dann geht es dir ebenso, oder auch „When in Rome, do as the Romans do!“).
Höre auf dine Mama. D Mama woaß allat was ghörig isch.
Kann man auch als Nicht-Vorarlberger khörig werden, quasi „Khörig h.c.“? Nun ja, über diese Frage streiten sich die Schulen. Sagen wir, durch lange, bemühte Übung vielleicht.
Dieses Kleid stammt von meiner Oma, die vor Kurzem im 94. Lebensjahr verstorben ist. Zu Ostern habe ich es getragen und mich sehr daran gefreut. Das Kleid hat sie ziemlich sicher auf einer ihrer Reisen gekauft; mein Großvater war Archäologe und sie hat ihn auf fast allen seiner Reisen und Ausgrabungen begleitet. Das Kleid stammt vermutlich aus Griechenland, eventuell auch aus Italien und vom Stil her könnte sie das in den 70er Jahren gekauft haben, eventuell aber schon viel früher in den 50ern; genau wissen wir es nicht. Es gab aber dort zu beiden Zeiten in diesen Ländern solche Kleider, es gibt sie teilweise auch heute immer mal wieder.
Was abseits des Stils fasziniert: Diese Sackkleider, die in den 50ern so richtig aufgekommen sind; man fragt sich ja schon ein bisschen, wie die Frauen das früher gemacht haben.
Selbst bei sehr schlanker Figur muss man ausgesprochen diszipliniert den Bauch einziehen, um nicht selbst wie ein Sack auszusehen, das Kleid arbeitet da sozusagen gegen einen, und das ist noch sehr höflich ausgedrückt. Es zeigt sich: Man muss wirklich KERZENgrade dastehen, wenn man so etwas anhat. Vielleicht aber war es den Frauen damals einfach gleichgültig, dass das der Figur nicht gerade schmeichelt, sie hatten vielleicht Wichtigeres zu tun, legten mehr Wert auf Bequemlichkeit (denn bequem sind diese Kleider wie nur was), oder es waren Kleider mit diesem Schnitt einfach gebräuchlicher im Alltag. Ein schöner und etwas rätselhafter Fund jedenfalls, ich freue mich dass ich das Kleid in meinem Schrank habe, deswegen wollte ich auch kurz etwas dazu schreiben. MODE aus anderen ZEITEN
# WÄLDER SCHMÄALG. Anfang des Jahres war ich zum ersten Mal am Vorarlberger Ball in Wien, und der Bregenzerwald war Gastland. Ich hatte davor lange überlegt, ob ich versuchen sollte in der echten Bregenzerwälder Tracht auf den Ball zu gehen, denn die Möglichkeit hätte bestanden: Tatsächlich gibt es in meiner Familie eine Juppe, die wir aus einer langen weiblichen Ahninnenkette geerbt haben. Allerdings ist diese aus echtem Juppenstoff, und nicht aus dem heute viel pflegeleichteren und bequemeren Trevira. Eine solche „echte“ Juppe zu tragen ist harte Arbeit: es ist kalt, unbequem und erfordert ungeheure Transportmühe und Pflege im vor- und nachhinein. Aus diesem Grund wurde es bei mir ein klassisches Ballkleid, zumal das Tragen der Juppe bei einer nicht mehr im Bregenzerwald wohnenden Frau ohnehin als nicht ganz „cultural appropriate“ gelten würde, es wäre nicht „ghörig“ gewesen. Kleinere Anklänge an die Bregenzerwälder Zopffrisur hatte ich aber probiert zu machen, was im Endeffekt auch ganz gut gelungen ist.
Auch dieses Kleid stammt aus dem schier unerschöpflichen Kleiderfundus meiner Großmutter. Mangels anderer Hinweise zu Herkunftsland oder Zeit des Erwerbs verbleibt es vorerst „das italienische Kleid“.