Eine Werkschau mit Erinnerungstücken aus dem Werkunterricht der Volksschule, Unter- und Oberstufe in Vorarlberg 1992 – 2004
Woran ich mich erinnern kann In meiner Erinnerung ist es so, dass die Handarbeitslehrerinnen meiner Kindheit, man muss das so hart sagen, alles in allem eher frustgeladene Existenzen waren. Zumindest vermittelten sie uns Kindern ziemlich glaubhaft den Eindruck, dass sie diesen Beruf weder aus freien Stücken gewählt hatten, geschweige denn ihn mit irgendeiner Art von Freude ausübten. Was Wunder, wer hätte auch Freude daran gehabt, diesen Kohorten stinkender, lärmender Erstklässler Jahr für Jahr die Grundbegriffe des Fadenaufnehmens nahezubringen? Es war ein Scheißjob, da gibt es nichts zu beschönigen. Dieser Umstand führte dazu, dass ich, so wie die meisten Kinder in unserer Schule, natürlich fürchterliche Angst vor diesen LehrerInnen hatte. Aus einem Unterrichtsgegenstand, der an sich die Kreativität und das Ausprobieren der handwerklichen Fähigkeiten spielerisch in den Mittelpunkt rücken sollte, wurde ein angstbesetzter und spannungsgeladener Pflichtparkour, der nicht selten mit Nachsitzen, Tränen und Schreiduellen (ja, wirklich) einherging, und nur unter Anspannung von höchstem elterlichen Ehrgeiz noch irgendwie würdevoll gemeistert werden konnte.
Handarbeiten, wie man das nannte, war zu meiner Volksschulzeit schon geteilt und bestand aus einem handwerklichen Semester (Werken), das alle liebten weil man da relativ unbelastet von intellektuellen Erwartungshaltungen mit Drähten, Spähnen und Brettern arbeiten durfte, und diesem eher fadenbetonten Katastrophentraining des textilen Werkens (Häkeln, Stricken, Weben), das eben u.a. im Herstellen des berühmten Topflappens gipfeln sollte.
ALLES SIEHT SO EINFACH AUS: Schöne Topflappen, die meine Mutter (selbstverständlich nicht im Handarbeitsunterricht) gemacht hat, gehäkelte Waschlappen und eine gewebte Tasche, kleine Erfolgserlebnisse die mich Jahre später im Erwachsenenleben mit meiner vermeintlichen Ungeschicktheit versöhnten
Gender Mainstreaming gab es noch nicht. Damals fand im Grunde noch niemand etwas dabei, dass man Buben eher das Hantieren mit groben Holzklötzen und Nägeln zutraute, während wir Mädchen uns vorderhand mit Stricken, Weben und eben dem verhassten Häkeln abmühen sollten. Ich kann mich aber erinnern, dass es bereits in der dritten Klasse Volksschule gemischte Gruppen gab, in denen dann pro Semester wechselseitig alle, gleich ob Buben oder Mädchen, alles einmal machen mussten. Das war gerecht, weil für alle grausam. Später im Gymnasium lag der Schwerpunkt dann vor allem in der Oberstufe auf dem Zeichnen , das ganze wurde Bildnerische Erziehung genannt, und unsere Kleckserei erhielt eingebettet in eine gewisse kunsthistorische Hintergrundbildung (Paul Flora, Franz Marc, Chagall) den Nimbus einer modernen, künstlerischen Freiheitsliebe. Mit Grauen erinnere ich mich aber auch, dass wir in der Hochpubertät einmal geheißen wurden wechselseitig Portraits voneinander zu zeichnen, was so manche Freundschaft nachhaltig beschädigt hat („Du SCHIELST nicht! Glaub mir doch, ich kanns nicht besser!!!!“). Wer auch immer auf den kruden Gedanken verfallen ist, minderjährige Schüler zu solcherlei scheiterungsgeneigter Experimentalkunst zu zwingen, bleibt bis heute ein Rätsel. Es bringt uns aber zu einem anderen Punkt, der hier noch weiter beschäftigen wird. Dass nämlich diese ganze Handarbeitssache im Kern gar nicht so selten eine sadistische, schadenfrohe Note hatte.
Eine Werkschau mit Erinnerungstücken aus dem Werkunterricht der Volksschule, Unter- und Oberstufe in Vorarlberg 1992 – 2004
Wer Kinder hat büßt seine Sünden Patricia Cammarata hat in einem grandiosen Beitrag darüber geschrieben, warum das Laternen basteln unter Elternbeteiligung völlig zu Recht als moderne Vorhölle der berufstätigen Mütter betrachtet werden kann. Die große Dreifaltigkeit der Bastelkunst im Jahreskreis (Kastanienmännchen, Laterne Laterne, Eier ausblasen), sie ist schließlich auch an meiner Generation nicht spurlos vorübergegangen.
Wie die meisten Mädchen war ich einerseits zwar eine recht brave, fleißige Schülerin. Ob es nun andererseits an der Angst vor der Lehrerin lag, an meiner vielleicht noch nicht ganz ausgereiften Feinmotorik oder einem selbst erzeugten Gefühl der Unzulänglichkeit, lässt sich heute nur schwer rekonstruieren: In handarbeitlichen Belangen erwies ich mich jedenfalls als kreuzunbegabt.
Das eigentliche Drama dieses Unterrichts lag ebenso wie beim Fach Mathematik im Stichwort „Hausarbeit“ begraben. Wurden die zu häkelnden Werkstücke zwar im Unterricht begonnen, angeleitet und der Struktur nach erklärt, musste man sie später, und speziell als eher langsam werkendes Kind in mühseliger Heimarbeit fertigstellen. Nun wäre alles gut gewesen, hätte sich nach diesen Topflappen, Kissenbezügen und Zierdeckchen diskretionshalber niemals mehr eine Menschenseele erkundigt, doch dem war nicht so. Wer im Unterricht mit seinem Topflappen nicht vom Fleck kam, musste das Werkstück reuig nach Hause tragen, und es nach einiger Zeit zur Benotung wieder vorweisen, Fertigstellung in Hausarbeit nannte man das. Und das hieß vielfach nichts anderes als: Mutti musste ran.
Wir waren wie alle Kinder: Tagsüber konnte man die Sache ja noch halbwegs verdrängen, und so sahen sich unsere erstaunten Mütter (und wohl auch Väter) oft spät abends zur besten ZIB2 Sendezeit mit den begonnenen Katastrophen unserer Handarbeitskarriere konfrontiert. Dann hieß es Meter machen, denn nicht nur wollten wir Kinder keinen Ärger mit der Handarbeitslehrerin, auch unsere Eltern scheuten den Konflikt mit diesem bis heute mit einer rätselhafter Autorität ausgestatteten Menschenschlag der Handarbeitslehrerin. Böse Zungen möchten behaupten, dass darin allein auch der eigentliche perfide Zweck dieses Handarbeitsunterrichtes bestand: Unsere berufstätigen Eltern mit diesen sinnlosen spätabendlichen Häkelparkours für ihr mangelndes Commitment, ihre Abwesenheit bei Elternabenden, Keksbackwettbewerben und ähnlichem schulischen Vereinsgeschehen möglichst nachhaltig zu bestrafen.
Pädagogisch wertlos ist das Ergebnis dieser Nacht
Meine Mutter war stets eine ausgezeichnete Textilwerkerin, und gewiss beschränkte auch sie sich zu Anfang wohl darauf, mir die ein oder andere Masche neu einzufädeln, verkorkste Fadenringe neu anzuschlagen und, wenn auch unter Flüchen, Unrettbares durch gezieltes Auftrennen und kleine Reparaturen wieder in die rechte Bahn zu gleisen. Aber sie sah wohl selbst recht schnell ein, dass wir in der Sache kaum vom Fleck kommen würden, wenn sie ihren Aktionsradius immer streng auf das pädagogisch wertvolle Maß beschränkt hielte. Wann genau in meiner Handarbeitskarriere meine eigenen ungelenken Versuche mit gezieltem mütterlichen Backup hinter den Kulissen stattfanden, und somit gewissermaßen „outgesourced“ wurde, lässt sich heute nicht mehr genau bestimmen.
In den Jahren 1992 bis 1996 fertigte meine Mutter also unter meinem Namen verschiedene Topflappen, Kissenbezüge und andere textile Kleinigkeiten, und erhielt dafür durchgehend Bestnoten. Ich erhielt mein Selbstbewusstsein zurück, denn endlich fanden auch meine Werke vor den Augen der gestrengen Handararbeitslehrerin wieder Gnade. Unser schlechtes Gewissen über die Produktionsbedingungen hielt sich in Grenzen, wusste man doch dass es andere ebenso hielten, und auch bei Müllers und Natters nebenan kräftig getrickst wurde, was die Urheberschaft anlangte. Die Arbeitsteilung funktionierte perfekt, heute würde man sagen: Wir waren ein Künstlerkollektiv, das zusammengeschmiedet in einer verzweifelten Mischung aus Ehrgeiz, Scham und einer gesunden Prise Pragmatismus das tat, was nunmal getan werden musste.
Demnächst: Die Riesenschildkröte oder Der Kunst ihre Freiheit
Eine Werkschau mit Erinnerungstücken aus dem Werkunterricht der Volksschule, Unter- und Oberstufe in Vorarlberg 1992 – 2004
Angst essen Wolle auf Seit dem Start dieser heiteren kleinen Serie haben mich viele bestätigende Zuschriften erreicht. Freundinnen berichteten unter Lachtränen von ihren Erinnerungen, wildfremde Menschen fielen mir in der U-Bahn um den Hals, alte Bekannte sendeten Fotos von Werkstücken aus dem Ausland. Eine gute Freundin berichtete, dass ihre Mutter sich sogar bemühte, absichtlich besonders „hässlich“ zu häkeln und zu stricken, damit der Betrug nicht auffiel. Eine andere erzählte mir von Topflappen, die sich die Mutter zum Muttertag mehr oder weniger selbst gemacht hatte.. Es kann also mit einer gewissen Ernüchterung festgestellt werden, dass die wenigsten Häkelkinder ihre Hausaufgaben selbst bewältigten. Eigentlich gehört unseren Müttern allen im Nachhinein ein Preis verliehen, dass sie diesen Unsinn überhaupt mitmachten. Sie waren Helden, wir alle waren es. Wir kämpften mit Häkelnadel und Maßband an einer Front, die unpopulärer und weniger ruhmreich gar nicht hätte sein können, und die es heute in der Form nicht mehr geben könnte: Wenn ich mir anhöre was Lehrer und Lehrerinnen aus meinem Umfeld berichten, würden die Eltern heutiger Schulkinder das im Leben nicht mehr mitmachen. Vielmehr würde man zu Anfang des Jahres den Handarbeitslehrer zu einem öffentlichen Hearing einbestellen, wo er vor einem extrem kritischen Elternbeirat seinen Semesterplan präsentieren, und sämtliche Werkstücke desselben dann unter regelmäßigen Kontrollen eigenhändig anfertigen und den Kindern in liebevoll beschrifteten Präsentkörben gefüllt zur Endabnahme durch die Eltern mit nach Hause senden würde.
Wenn du lange genug in den Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.
Ich hatte hier schon darüber geschrieben, dass der Handarbeitsunterricht unserer Schulzeit nicht unbedingt von jener liebevollen, geduldigen Pädagogik durchdrungen war, von der die Erziehungsratgeber heute so gerne schreiben. Vielmehr erlebten wir diese wöchentlichen Sitzungen im Werkraum eher als eine Art Terrorherrschaft, der man nur durch entsprechende Leistung, Demut und Hinterlist halbwegs unbeschadet entkommen konnte. Warum wir uns gar so sehr vor unseren Lehrerinnen fürchteten, die uns ja im Grunde nützliche Dinge beibringen sollten, ist heute wahrscheinlich nur noch schwer nachvollziehbar. Tatsächlich aber kenne ich nicht wenige Leute, die mir versichern, sie hätte der Werkunterricht mit größerer Angst erfüllt, als das Vorrechnen an der Tafel in Mathematik (und das will ja schon was heißen).
Endgegner Topflappen
Wie in einem guten Computerspiel steuerten unsere Bemühungen mit den Jahren unerbittlich auf einen Endgegner zu, den es in Form des Topflappens zu bewältigen galt. Tatsächlich meisterten wir diesen Höhepunkt ganz gut, die uns vorgeschriebenen Topflappen sollten einen Tierkopf darstellen, ich glaube zur Wahl stand u.a. ein grüner Frosch, oder ein roter Marienkäfer. In meinem Fall wurde es ein rosa Schweinchen mit so einer Art Schnauze im Zentrum und kleinen Ohren am Rand, das so derart unansehnlich geriet, dass davon weder Bilder noch Beweismittel existieren. Wie auch immer bewältigten wir diese Herausforderung erstaunlich gut, und ich, also meine Mutter, also ich, bekamen tatsächlich eine recht gute Benotung.
Unrealistisch geschöntes Symbolbild, nicht die besagten von mir gehäkelten Topflappen
Strickliesel Vorangegangenen Generationen wurde der Umgang mit dem Wollknäuel noch mit einer sogenannten „Strickliesel“ beigebracht, die Älteren unter uns erinnern sich. Tatsächlich gab es auch in unserem Haushalt eine solche, auch wenn man sich im Handarbeitsunterricht nicht mit solcherlei einfach zu bewältigenden Trainingstools abgab. Die Strickliesel produziert bei richtiger Anwendung eine lange, kompakte Wollwurst, die wie eine Schlange aus dem Unterbauch der Liesel herauswächst, für ernsthafte Werkstücke aber weitgehend unbrauchbar ist. Sie lehrt das tüchtige Kind aber vor allem eines, die Kunst der Geduld. Und an der fehlte es mir vor allen Dingen, was viele Dramen meiner Handarbeitskarriere erklären dürfte.
Der Kunst ihre Freiheit
Im Handarbeitsunterricht kann man vieles gut, und vor allem kann man sich fabelhaft mit anderen vergleichen. Kinder sind grausam, besonders wenn man sie zum Häkeln in einen mit Neonlicht gefluteten Sozialraum pfercht, und so maßen auch wir in stets leicht angespannter Atmosphäre mit scheelem Blick die Fortschritte der Sitznachbarn, denn im Unterricht selbst musste man sich wenigstens den Anschein einer Bemühung geben.
In der 3. Klasse sollten wir eine Schildkröte stricken. Ein niedliches Kuscheltier sollte es werden, ausgestattet mit einem Panzer aus ordentlich gestrickten Reihen, einem wattegefüllten Bauch und vier ebensolchen Füßen. Wir hatten kleine Notizhefte, in die wir zu Anfang jedes neuen Projektes die Eckdaten und den Bauplan notieren mussten, damit wir, also unsere Mütter, also wir, zu Hause auch noch wussten was zu tun war.
Man sollte vielleicht mit etwas Positivem beginnen: Ich hatte tatsächlich irgendwann kapiert, wie stricken geht. Es war in diesem Fall auch nicht so steil, es gab für die Strickkröte nur eine Sorte Maschen in einer langen Reihe zu stricken, keine links/rechts Verwirrung, einfach nur „geradeaus“, wie ich das heute noch nenne. Zwar gingen ab und zu ein paar Maschen verloren, wodurch das Strickstück einer unguten Variabilität unterlag, das glich ich aber durch Ehrgeiz und das willkürliche Aufnehmen von Maschen an anderer Stelle gut aus.
Leider hatte ich vergessen mir die Maße für den Schildkrötenpanzer zu notieren, und weil ich so begeistert von meiner eigenen Fertigkeit war, strickte ich einfach unverdrossen weiter. Ich wollte es eben besonders gut machen. Es hätte mir seltsam vorkommen können, dass die Strickflecke der anderen Kinder nicht so aussahen wie meine, auch meine Mutter wunderte sich, dass wir so viel stricken sollten. Ich hätte die anderen Kinder nach den Maßen fragen können, oder die Lehrerin bitten können, nochmal zu erklären. Aber ich traute mich nicht, warum auch immer. Der misstrauische Wettbewerbsgeist dieser Strickolympiade hatte uns unschuldige Wesen in genügender Form gestreift, um mich davon abzuhalten.
*David gegen Goliath (eine Klassenkameradin hat ihre zu Vergleichszwecken gepostet, Grüße gehen raus an Sandy P.!).
Es kam der Tag der Tage, und wir mussten unsere Schildkröten in der Schule vorzeigen. Alle anderen Kinder hatten kleine, bunte und niedliche Schildkröten gemacht, die mit herzigen Knopfaugen in die Welt schauten, und ungefähr auf einen Handteller passten*. Meine Schildkröte dagegen war ein Riese geworden. Grotesk hässlich, maß sie gute 30×30 Centimeter und füllte locker den Kindersitz eines Autos aus. Sie war gewaltig, dieser Galapagos-Gigant, respektgebietend und auch von der Farbgebung (ich hatte mich für natürliche Braun- und Grüntöne entschieden) äußerst unglücklich geraten, überragte sie alle anderen Kinder und warf einen Schatten auf ihre winzigen Artgenossen. Hätte man sie als Kinderschreck in eine Geisterbahn montiert, oder zum Abhalten wilder Hunde an den Gartenzaun geheftet, es hätte kein besseres Einsatzgebiet gegeben. Der Rest ist schnell erzählt: Die Handarbeitslehrerin wurde vor Zorn 3 Meter groß. Zum Glück war gerade Semesterschluss, und es hätte nicht viel gefehlt, ich hätte die Riesenschildkröte noch einmal auftrennen und kleiner machen müssen. Aber so breitete man gnädig den Mantel des Schweigens über die Schildkröte, und ich durfte mit meinem hässlichen Panzertier nach Hause gehen.
Tatsächlich hat mich diese Schildkröte aber einiges gelehrt. Sie war ja nur im Vergleich zu den anderen Schildkröten seltsam, für sich genommen aber völlig okay, um nicht zu sagen: besser.
Aber sie entsprach nicht. Sie erfüllte nicht die Voraussetzungen, die man in Maß und Zahl diktiert hatte, und es erfüllte mich doch mit eigentümlichen Stolz, dass ich ein so großes und selbstbewusstes Stricktier mit eigenen Händen geschaffen hatte. Ich hatte „Kunst“ geschaffen, und wie alle gute Kunst polarisierte sie eben ein wenig.
Es gibt einen Spruch, der mir dazu immer wieder einfällt: I couldnt repair your brakes. So I made your horn louder.
Eine Werkschau mit Erinnerungstücken aus dem Werkunterricht der Volksschule, Unter- und Oberstufe in Vorarlberg 1992 – 2004
Vor einigen Jahren, damals gab es noch das NEON, erschien in der Zeitschrift eine große Coverstory mit Sarah Kuttner unter dem Titel „Ich hänge an der Nadel!“. Darin erzählte die Moderatorin, dass sie die gesamten 7 Staffeln von Gilmore Girls nicht gesehen, sondern gehört hatte, weil sie neben der Serie quasi dauergestrickt hatte. Auf dem Cover sah man Sarah Kuttner, und sie war in einen überlebensgroßen Schal gewickelt, der sie mehrmals umrundete. Ich habe das NEON damals regelmäßig auf Zugfahrten förmlich verschlungen (Zugfahrten zwischen Vorarlberg und Wien sind lang), und konnte mich mit dem Inhalt der Coverstory auf allen Ebenen identifizieren.
Ich hatte mit dem Handarbeiten ein ganz ähnliches Problem wie Sarah Kuttner: Die Anleitungen, die man von Müttern, Großmüttern und Lehrerinnen dazu bekam, waren mir zu sporadisch, in der Darstellung zu zeitlich gerafft, und zu wenig reproduzierbar für meine ungeschickten Hände. Außerdem stand ich während des Vorgezeigtbekommens schon mal aus Erwartungshaltung so unter Stress, dass ich nichts behalten konnte, und Sätze wie „Schau, es ist ganz einfach..“/„Du musst doch nur hier..“ machten die Sache nicht besser. Wenn man etwas lernen möchte, ist es zudem eine denkbar schlechte Idee, sich das Grundprinzip von einem Vollprofi zeigen zu lassen, dem schwierige Handgriffe schon routinemäßig in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wenn Sie Neuling sind, suchen Sie sich besser jemanden, dem selbst gerade erst „der Knopf aufgegangen ist“, die Chance, dass Sie dabei etwas lernen ist deutlich höher.
Hieroglyphensprache
In meiner Kindheit gab es zu diesem Zweck noch Musterbücher mit Anleitungen. In Zeitschriften wie BURDA erschienen Nähschnitte, die man sogar ausklappen und zum Umrisszeichnen auf den Stoff legen musste. In diesen Anleitungsheften standen Sätze wie: 1. R: 2 M re abh., der Faden liegt vor der Arbeit, 2 M re im Wechsel str. 2. R: Alle M li str. 3. R: 2 M re str., 2 M re abh., der Faden liegt vor der Arbeit im Wechsel str. 4. R: Alle M li str. Die 1. – 4. R fortl. wdh. oder auch Maschenprobe im Grundmuster: 12 M und 20 R = 10 x 10 cm.
Tücher – Die Welt der Muster
Manchmal gab es auch grafische Darstellungen des Musters, die aussahen wie ägyptische Wandmalereien, ungefähr so ll>>>lllllll<<<<ll&. Diese Außerirdischensprache war für mich ein Faszinosum, und es ist mir bis heute ein Rätsel, wie danach irgendjemand arbeiten konnte.
Youtube
Dann kam Youtube. Und man kann mit Recht sagen, dass ich durch das Internet zum Handarbeiten gekommen bin. Es war der Höhepunkt der Boshi Kappen Welle, alle Leute liefen plötzlich mit diesen bunten, selbstgemachten Kappen herum. Ein paar Skandinavier hatten ein Buch geschrieben und einfache Anleitungen dazu ins Netz gestellt, und plötzlich war die Sache ein richtiger Hit. Die Wolle, die dazu verwendet wurde war zudem sehr dick und kompakt, sodass man mit dem überschaubarem Arbeitsaufwand eines Abends zu einer fertigen Kappe gelangen konnte. Nachdem in meinem Umfeld eines Tages auch Männer mit solchen Kappen auftauchten, die sie laut eigener Aussage selbst gehäkelt hatten, MÄNNER (!), von denen ich wusste dass sie so ungefähr keine Spaghettinudel unfallfrei in den Topf bekommen, und die mir das auch noch als „tatsächlich gar nicht schwierig“ beschrieben, war es soweit. Ich dachte bei mir: Na, wenn DIE das schaffen..?
Wiederholungstäter
Ich habe 2004 maturiert, und Youtube wurde ein Jahr später gegründet. Während meiner Studienjahre gab es auf Youtube plötzlich immer mehr kleine Filmchen, in denen ganz langsam und Schritt für Schritt beschrieben wurde, wie man zB ein einfaches Stück wie einen Schal selber häkeln kann: Es fing damit an welche Wolle und welche Nadel zu kaufen sei, in welchem Geschäft es die gäbe, wie man dann einen Fadenring anschlägt, und so weiter, bis zum Fäden vernähen am Schluss. Und das Beste: Diese Videoanleitungen waren (zumindest am Anfang) von Laien für Laien gemacht, sie waren in Großaufnahme gefilmt, sodass man ganz genau erkennen konnte in WELCHE verdammte Masche jetzt zu stechen war, und das ALLERBESTE: Wenn man etwas nicht genau verstanden hatte, konnte man nochmal zurückspulen und die betreffende Stelle nochmal in aller Ruhe anschauen. Endlos oft. Solange, bis man es verstanden hatte!
Schal im Sternchenmuster mit Farbwechsel
Für mich waren diese Filmchen ein unglaublicher Befreiungsschlag. Im Schein der Abendlampe, und unbeobachtet vor dem Screen gab es keine Versagensängste und keinen Zeitstress. Youtube urteilt nicht. Es schimpft auch nicht, wenn einem eine Büschelmasche oder ein doppeltes Stäbchen nicht sofort gelingen mögen, und plötzlich war es auch mir möglich recht schnell komplizierte Muster zu häkeln. Meine Hauptquelle wurde eine freundliche Dame mittleren Alters, die dem Dialekt nach irgendwo aus dem Raum Sachsen stammen muss. Wenn sie mit ihrer ruhigen, trockenen Stimme und leicht sächselndem Slang zum Hundertsten mal geduldig erklärt, wie man einen Fadenring anschlägt, dann weiß ich: Alles wird gut, ich schaffe das.
Projekte
Der Rest ist schnell erzählt. In den nächsten Jahren machte ich diverse Kappen, mit Krempe, und ohne Krempe, danach einfache Loops (ein endenloser Schal) und normale Schals, schließlich Dreieckstücher, Stolen und Ponchos. Meine Projekte wurden immer größer, obwohl ich zwischendurch auch mal eine Phase mit kleinen Stofftierchen (japanisch Amigurumi) hatte. Das war wahrscheinlich um die Riesenschildkröte zu kompensieren. Später kamen dann auch noch Waschlappen, Beutel und andere kleine Täschchen. Die meisten Dinge habe ich verschenkt.
Decken nach dem Square Prinzip mache ich bis heute gerne, ich habe fast immer eine in Arbeit. Man startet einfach mit einem Quadrat in der Mitte und häkelt dann immer im Kreis herum, bis man keine Lust mehr hat oder die Decke einen komplett zudeckt. Es ist unglaublich befriedigend. Und auch die Tatsache, dass man im Anschluss keine Schildkröte daraus machen muss, und die Decke einfach Decke sein darf, ist positiv hervorzuheben. Später wurde ich was Muster und Farben anlangt versierter, ich lernte, dass man auch mit mehreren Fäden und Knäueln gleichzeitig häkeln und dadurch schöne Effekte erzielen kann. Durch zuspannen eines kleinen Mohairknäuls kann man zB eine tolle flaumige Oberfläche bekommen, und Wollen mit Farbwechsel machen es selbst Unerfahrenen leicht, ein vielfarbiges Spektrum in eine Wollarbeit zu zaubern.
Witzigerweise habe ich bis heute fast ausschließlich gehäkelt und nur sehr selten gestrickt, auch wenn man mich öfters vom Gegenteil zu überzeugen versuchte. Das Arbeiten mit zwei Nadeln ist mir einfach nicht ganz geheuer, und ich sage immer: Alles was man stricken kann, kann man auch häkeln. Das stimmt zwar nicht ganz, aber tatsächlich gibt es erstaunlich viele Tricks und u.a. auch ein „falsches“ Patentmuster fürs Häkeln, das kaum von einem gestrickten zu unterscheiden ist.
Sex, Drugs und Mohairwolle
Die Läden, in denen das Material verkauft wird, gleichen dann vom Prinzip her auch guten Metzgereien des Vertrauens, oder vielleicht Crackhöhlen, die ihre süchtigen Abnehmer mit erlesenem Material versorgen. Man kommt zur Tür herein, wird gefragt ob man die neue ProLana in Fuchsia schon gesehen hat, ob man auch die passende Nadelstärke dafür habe, und zum Abschluss, ob es etwas mehr sein darf?
In Wien gibt es eine große Community von Handarbeitenden, die sich zu verschiedenen Zirkeln treffen. Es gibt Strick- und Häkelcafés in vielen Wollgeschäften. Man kann zu seinem aktuellen Projekt bei Gleichgesinnten Rat und Hilfe einholen, und Samstags zum Häkelkränzchen wird Prosecco und Kaffee serviert. Ein bekanntes Kino behält sogar während mancher Vorstellungen das Licht im Saal an, damit man strickend Film schauen kann. Natürlich gibt es auch wahre Profis dieser Zunft, an die ich nie heranreichen werde. Eine gute Freundin hat mehrere Nähmaschinen: Sie macht selbst Kleider und Röcke, Möbelüberzüge, Taschen und kleine Designstücke. Die Nähmaschinen sind HighTech Geräte und quasi halbe Computer aus Chrom und Edelstahl, sie haben alle ein elektronisches Display und dem Aussehen nach könnte man mit ihnen auch zum Mond fliegen. Eine andere Freundin unseres Hauses, die inzwischen nur noch Auftragswerke annimmt, geht soweit die Wolle zum Stricken in eigener Handarbeit herzustellen, sie verwendet dafür ein altmodisches Spinnrad. Auf die Doppeldeutigkeit des Wortes nimmt sie selbst liebend gerne Bezug, sie sagt dann „In meinem Freundeskreis wissen ja mittlerweile eigentlich alle, dass ich spinne.“ Oft schaltet sich ihr Mann ins Gespräch ein, er sagt „Ja, meine Frau spinnt gewaltig!“, oder auch „Am Wochenende hat sie wieder gesponnen, ich kann euch sagen!“ und so weiter. Die beiden können das stundenlang, es ist immer großartig und ein Grund zu lachen. Sie haben mir auch von einer Opernsängerin erzählt, die aufgrund ihrer häufigen Flugreisen keine Stricknadeln im Handgepäck haben kann. Da sie bei Wartezeiten gerne ihre Hände beruhigt, ist sie dazu übergegangen kleine Stofftiere mit Zahnstochern zu stricken. Und ja, das geht.
Bis heute fotografiere ich jedes meiner Projekte, und bin jedesmal stolz. Wenn ich heute sage, dass ich ein kostspieliges Hobby habe, denken die Leute an eine Extremsportart oder Wellnesshotels, an Whiskey oder Golf. Ich trete dann etwas näher, und flüstere mit verschwörerischer Stimme: „Wissen Sie: Ich gebe sehr viel Geld für Wolle aus..“. Meistens werde ich verstanden. Und nur noch selten habe ich diesen speziellen Traum, von dem ich nie jemandem erzählt habe. In dem Traum ist unsere Handarbeitslehrerin, Frau Müller, und sie sitzt auf einem Thron aus Mohairwolle. Sie schaut mit leicht verächtlichem Blick zu mir herunter: „Na, können wir immer noch keine geraden Maschen, Kind?“. In dem Moment zücke ich triumphierend meinen Seidengarnschal im verkehrten Kreuzgittermuster mit den verzierten Lochmaschen, und rufe: „TAKE THAT, Frau Müller!“*
Eine Werkschau mit Erinnerungstücken aus dem Werkunterricht der Volksschule, Unter- und Oberstufe in Vorarlberg 1992 – 2004
Die Welt und Ich
In diesem Text wird es um Zerstörung gehen. Die Lust des Menschen Großes zu erschaffen ist eine gewaltige, die Lust Dinge kaputt zu machen eine noch viel Größere. Im Lehrplan über Technisches Werken für die Neue Mittelschule 2017 steht dazu als zentraler Punkt: Schülerinnen und Schüler loten das Verhältnis zwischen Menschen und Dingen aus.Sie erkennen, erproben und verstehen in Designprozessen, inwieweit der Mensch Materialien, Gegenstände, technische Hilfsmittel und Räume prägt und umgekehrt.
Im Lehrplan der Volksschulen wird man sogar noch deutlicher. Hier heißt es unter dem vielsagenden Stichwort „Materialerfahrungen“/Zerlegen und Zusammensetzen: Beim Umgang mit Baukastensystemen gewinnen die Kinder Erfahrungen und Einsichten in elementare technische Zusammenhänge (Hammer macht aua! Kochplatte heiß! und ähnliches fällt mir dazu ein), und weiter: Im spielerischen Umgang mit dem Gebauten gewinnen die Kinder vielfältige Erfahrungen hinsichtlich Standsicherheit, Gewicht, und Raumform..
Materialerfahrungen
Herzlich Willkommen im Fetischbedarf (Es sollte ein Spaghettischöpfer sein)
Im Gymnasium ließen wir das Hantieren mit dem Wollknäuel also vorerst hinter uns, und widmeten uns neuen, härteren Bandagen. Das Drama beim Häkeln und Stricken entspinnt sich ja langsam und kontinuierlich, man spürt wie im Shakespearschen Bühnenstück quasi von Anfang an, dass hier etwas faul im Staate Dänemark ist, ohne aber genau den Finger darauf legen zu können. Die Katastrophe beim Holzwerken zeigt sich viel brutaler, offensichtlicher und unmittelbarer, und anders als beim Häkeln ist sie meist auch unumkehrbar: Es gibt beim Kleben mit Leim diesen einen, einzigen, kurzen Moment, in dem man das Unheil schon kommen sieht und das Ruder aber noch herumreißen könnte. Sekunden später ist bereits alles zu spät: Es klebt, und zwar alles, bombenfest. Die Leiste an der Werkbank, die Klebtube am Finger, die Finger an der Leiste, und alles ist natürlich NIE wie es soll, und schon gar nicht waagrecht.
Turmbau zu Babel
Diejenigen unter uns, die zu Hause ältere oder jüngere Brüder ertragen mussten, hatten eventuell schon erste Begegnungen mit Laubsägearbeiten gehabt. Laubsägearbeiten, eine durch und durch Loriot’sche Disziplin, mit der man über Jahrzehnte kleine Jungen aus Bürgersfamilien in Richtung handwerkliches Geschick interessieren wollte. Auch mein Bruder war auf diesem Gebiet kurz aktiv, bis es ihm zu langweilig wurde. Die vorgestanzten Teile waren wie bei einem Puzzle nach einem akurat vorgegebenen Schema und ohne große künstlerische Freiheit auszusägen, anzumalen, und zusammenzukleben, und der Spielraum eigenen Gestaltenswillens war dabei so weit unterdrückt, dass kreative Geister schnell die Lust verloren. Ich erinnere mich nur, dass das ganze Gesäge einen furchtbar kreischenden Ton und sehr viel Staub erzeugte, und mein Bruder schon bald lieber mit seiner Armbrust auf meine Puppen und Gartenzwerge schoß.
Das Ikea Prinzip: Irgendein Teil fehlt doch immer
Im Gymnasium jedenfalls sollten wir hauptsächlich Dinge aus Holz herstellen, die aussahen wie mittelalterliche Folterwerkzeuge. Wir leimten, sägten und hämmerten was das Zeug hielt, und machten erste schmerzhafte Erfahrung mit Schleifpapier und falsch platzierten Nägeln. In dieser Zeit fertigten wir eine Spaghetti-Kelle, die aussah wie eine Haarbürste und eine Gurken-/und oder Kekszange (so genau wurde das nie geklärt) mit der man Leute prima in den Oberarm zwicken konnte. Auch eine Art Materialerfahrung. Bei diesen Küchengegenständen hat mich im Nachhinein am meisten erstaunt, dass meine Mutter sie aufgehoben hat: Sie waren sperrig und seltsam, sahen aus wie aus einem SM-Studio, und waren in aller Regel unbrauchbar für den vorgeschriebenen Zweck.
Das IKEA Prinzip wurde uns schon damals als gute Vorbereitung auf das spätere Leben mitgegeben: Irgendein Teil war immer am falschen Ort, ging kaputt oder fehlte im entscheidenden Moment, was natürlich erst bei fortgeschrittenem Aufbau zu Tage trat. Im Gymnasium gab es endlich Gerechtigkeit für alle: Auch die Väter mussten jetzt ran, um spätnachts Scharniere oder Nägel aufzuschlagen, oder Leimunfälle zu Hause brachial (das heißt von Grund auf) zu restaurieren. Dazu wurde man von der Mutter in den Handwerkskeller verbannt.
Der Mensch ist ein Versicherungsfall
Es ist jetzt nicht ganz richtig, dass wir nur unbrauchbare oder hässliche Sachen gebaut hätten. Gerne erinnere ich mich zum Beispiel an einen Stromkreislauf mit Glühbirne, der uns als Kinder sehr fasziniert hat. Eine Blumenampel aus Holz, die nach einem einfachen Prinzip gestaltet war, habe ich bis heute sehr in mein Herz geschlossen und in ständiger Verwendung. Sie hat bisher, angefangen vom Studentenheim jeden Umzug mitgemacht.
In der Unterstufe machten wir noch eine deprimierende Erfahrung: Lehrer sind auch nur Menschen. Die Handarbeitslehrerinnen der Volksschule waren uns wie zornige Gottheiten erschienen. Jetzt sahen wir, dass Lehrer auch nicht perfekt sind, dass sie manchmal einfach nur müde, vergesslich und frustriert waren und ebenso wie wir ihre Fehler machten. Eine Lehrerin zerbrach einer Schülerin einmal versehentlich den fertig geschliffenen Speckstein, was ihr selbst am meisten leid tat. Ein anderer gab mir einen Einser auf eine Gurkenzanke, die er in der Vorstunde mehr oder weniger selbst geschnitzt hatte. Wechselfälle des Schicksals, die wir gleichmütig hinnahmen.
Der Werkunterricht dieser Altersstufen war bei den zuständigen Lehrern überhaupt denkbar unbeliebt. Ständig schnitt sich irgendjemand mit einem Stanleymesser in den Finger, rannte gegen einen Amboss oder haute sich oder dem Sitznachbarn mit dem Hammer in irgendwelche Weichteile. Auch Zähne wurden in Mitleidenschaft gezogen, und galt es zu Löten, brannte überhaupt gleich die ganze Hütte. Der Fahrtendienst zur Notaufnahme des nahegelegenen Unfallspitals gehörte zu diesen Unterrichtsjahren quasi als Zusatzausbildung dazu.
Belastungsgrenzen
In der dritten Klasse Gymnasium sollten wir also ein kleines Häuschen bauen. Feine Holzleisten waren dafür auszusägen, zu schleifen und dann mit etwas Klarsichtfolie zu einer Art Miniaturgewächshaus zusammenzusetzen. Ehrgeizigere Gemüter hätten vielleicht Plexiglas für die Glasscheiben verwendet, aber dafür war im Schulbudget wohl gerade kein Platz mehr. Oben hatte das Haus eine Klappe, damit man es öffnen und die Pflanzen betrachten und gießen konnte, und damit das lehrplangemäße Scharnier zum Einsatz kam, das mein Vater nachts in der Pyjamahose noch schnell draufgeklopft hatte. Gedacht war das als Pflanzenhaus für kleine Kakteen, und es war hübsch, auch wenn der intendierte Biokreislauf aus Wärme und Feuchtigkeit aufgrund der Bauweise wohl eher nicht zustande gekommen wäre. Meine Katze schlief später jedenfalls gern darin, bis sie zu groß dafür wurde. Nun hat ein solches Häuschen sicher viele gute Seiten. Und nur einige, ganz wenige Nachteile. Einer der Nachteile ist, dass ein solches Haus in seinen Grundfesten zusammenbricht, wenn man es mit dem durchschnittlichen Gewicht einer Fängi-spielenden Drittklässlerin belastet.
Das Geheul war groß, es war gerade Zeugnistag. Aber unser gemeinschaftlich abgelegtes Zeugnis über die Gelungenheit des zerstörten Bauwerks fiel so vehement aus, dass die Lehrerin den überbliebenen Scheiterhaufen anstandslos mit einer Eins benotete.
Wir aber hatten gelernt, mit den Wechselfällen des Schicksals umzugehen, und den Zufall als mal gnädig schenkenden, mal grausam zerstörenden Freund zu akzeptieren.
Teil der Serie Die Jury applaudierte ratlos – Eine Werkschau mit Erinnerungstücken aus dem Werkunterricht der Volksschule, gymnasialen Unter- und Oberstufe in Vorarlberg 1992 – 2004
Eine Werkschau mit Erinnerungstücken aus dem Werkunterricht der Volksschule, Unter- und Oberstufe in Vorarlberg 1992 – 2004
Wer diesen Blog aufmerksam verfolgt hat, wird es bereits bemerkt haben: Es geht hier eigentlich gar nicht ums Handarbeiten! In Wahrheit erzählt dieser Blog vom Scheitern. Von den ersten, prägenden Lebenserfahrungen, vom Hadern mit dem Misserfolg, vom Schmerz und der Pein über das nicht Abwendenkönnen kleiner und großer Katastrophen, vom sich Bemühen, vom Fehler machen, vom weiter machen. In den höheren Klassen machten wir Begegnung mit Ton und dem Formen von Skulpturen, und sahen uns zurückgeworfen auf die tiefsten Ursprünge menschlicher Existenz. Primitiv ist aller Anfang. Wir wollen es mit der großartigen Evelyn Hamann halten, die über ihre Zusammenarbeit mit Loriot sagte: „Wir haben uns die Latte immer sehr hoch gelegt. Und wenn wir sie einmal nicht ganz erreichen konnten, so sind wir in Würde darunter durchgeschritten.“
Primitiv ist aller Anfang
Ton ist ein schwieriges Material. Irgendwie zäh und irgendwie weich und doch widerständig wie Kaugummi. Auf den Fingerspitzen und der Kleidung trocknet er sofort zu einer hartnäckigen, staubigen Maske, die einem eine Gänsehaut über betroffene Körperstellen jagt. Wenn man eine Skulptur mit den Fingern formt, gelangt man schnell an die Grenzen dieser Technik, und stellt unschön die eigene Unregelmäßigkeit in der Arbeit fest: Der akkurat geformte Würfel zieht hässlich nach links und sieht aus, als ob er sich seines Aggregatszustandes noch nicht so ganz sicher wäre; die zarte Phiole strebt nicht himmelwärts zu den Göttern des Olymp, sondern sinkt verkümmert in sich zusammen. Beide zeugen gar kümmerlich wenig von der Größe eines Michelangelo oder da Vinci – (man scheitert schließlich nicht an irgendwelchen Hintzes und Kuntzes sondern an hohen Idealen); und die eigentliche Enttäuschung verhärtet sich nach dem Brennen der Objekte: Alles sieht aus wie ein hässlicher Aschenbecher.
Links: Daumenschale. Rechts: Erste Versuche mit der Töpferscheibe im Erwachsenenleben.
Arbeiten mit Ton erfordert eine gewisse Kraft, und der Mensch als solches ist ziemlich schwach. Zudem muss mit einer regelmäßigen, gleichbleibenden Stärke die Form in das Material getrieben werden, eine Gleichmäßigkeit zu der der Mensch ohne Hilfsmittel kaum im Stande ist; nicht ohne Grund wurde die Töpferscheibe erfunden.
Sisiphus im Werkunterricht: Er weiß, dass er scheitern wird.
Dies alles ignorierend fertigten wir bereits in der Volksschule eine sogenannte „Daumenschale“. Dabei formt man zunächst eine Art Klumpen und höhlt dann mit dem Daumen die Innenseite so lang aus, bis man ganz viel Dreck unter den Fingernägeln hat und sich unter der Druckauswirkung die so ungefähr primitivste steinzeitliche Form eines Gefäßes gebildet hat. Diese Schale kann man dann noch verschlimmbessern, indem man mit einem Holzstäbchen Muster hineinritzt. Auch eine Vase stand auf dem Lehrplan, beide Stücke waren trotz Brennung für den eigentlichen Zweck ungeeignet – man hätte sie glasieren müssen, um sie wasserabweisend zu machen, so wurde uns gesagt, und dass wir das gerne in Eigenregie nachholen könnten. Wir nahmen diese Information gleichmütig auf und schenkten die getöpferten Scheußlichkeiten im Naturzustand unseren Müttern, die sie pflichtbewusst auf ihre Kredenzen und Küchenregale stellten.
Der Vergleich macht sicher – wir sind Genies!
Edle Einfalt, stille Größe
Mit Ton herumzugatschen, das hat etwas Freudianisches: Es ist dreckig und lustvoll, und lässt Spiel für das freie Walten der Kraft und der Phantasie. Es gibt nun gewisse Prototypen, die sich seit Beginn der Menschheitsgeschichte wiederholen, und warum hätte das im Werkunterricht anders sein sollen. Die Trias der getöpferten Unterrichtswerke lässt sich grob in folgende Kategorien einteilen:
1 sieht aus wie ein hässlicher Aschenbecher (dies ist die umfangreichste Kategorie, gewiss haben auch Sie einen zu Hause) 2 Phallische Objekte 3 Globen und alle Sorten von runden Kötteln, die tierischen Exkrementen ähneln
Tatsächlich kann man im Werkunterricht auch ziemlich tolle Sachen aus Ton basteln. Ich erinnere mich an Schüler aus einer höheren Klasse, die eine reizende kleine Öllampe aus Ton herstellten. Man konnte sie mit einem Docht in der Mitte sogar zum Leuchten bringen. Das waren gefällige Anklänge an usprünglichste Formen von Tongeschirr aus der Frühzeit, zu denen wir leider entwicklungstechnisch nie vorgedrungen sind. Stattdessen gatschten wir herzlich engagiert und relativ talentlos mit unseren Klumpen herum, wir waren psychologisch gesehen in der analen Phase stagniert. In späteren Versuchen mit Weißton kamen aber sogar Farbe und Glasur zur Veredelung zum Einsatz.
Falls Sie ein Kleidungsstück besitzen, das sie immer schon unter fadenscheinigen Gründen ausmustern wollten: Ziehen Sie es zum Töpfern an. Der Hinweis der Werklehrer zum Mitbringen einer Schürze oder eines Malerkittels ist beileibe nicht übertrieben, alles getragene Gewand wird nie wieder sauber und kann getrost verbrannt werden.
Links Kunst der Antike, rechts Meisterwerke der Schulzeit (sogar glasiert!)
Die olympischen Disziplinen: Häkeln, Stricken, Töpferschale
Das Gemeine am Töpfern ist so wie beim Yoga, beim Kochen, beim Tanzen und eigentlich überall: Wenn es jemand wirklich gut kann, sieht es wahnsinnig einfach aus. Zumindest aber hat man beim Töpfern gegenüber anderen Disziplinen des Werkunterrichts einen Vorteil: Man kann bei unbefriedigendem Ergebnis die ganze Skulptur ohne großen Aufwand dem Erdboden gleichmachen, zu einem neuen Klumpen gatschen und einfach nochmal von vorne anfangen. Ein durch und durch befreiendes Erlebnis.
Ich erinnere mich gut an diesen Moment der Verheißung, wenn die Werklehrer mit einem zwischen zwei Holzknöpfen gespannten Draht, einer Art Mini-Guillotine ein großes Stück Ton vom Block abschnitten und zuteilten: Ein Moment der absoluten Ergebnisoffenheit, der Rohstoff war neu und ungebraucht und alle Möglichkeiten lagen vor einem.
Ton Steine Scherben
Der Ehrgeiz war groß, die Mühen der Ebene zeigten sich bald im Detail: Man kann nicht alles schaffen. In der Oberstufe mühten wir uns mit Schalen aus Weißton. Der Genuss einer Töpferscheibe war uns zu Schulzeiten nicht vergönnt, erst als Erwachsene durfte ich mal eine solche kennen lernen. So mussten wir mit anderen Techniken vorlieb nehmen. Im Grunde walzte man sein Stück Ton einfach zu einer flachen Platte, und versuchte anschließend durch geschicktes Biegen der Wände eine Art Schale zu formen. Das gelang in meinem Fall nur mangelhaft (man sieht es auf den Bildern), es blieb beim Prototyp eines Tellers, und der Versuch einer dreidimensionalen Skulptur verharrte im Flachland. Mit den Resten wollte ich einen Elefanten bauen, und ärgerte mich furchtbar, weil der filigrane Rüssel nicht halten wollte.
Als Vorstufe für Formen und Gestalten hatte ich in meiner Kindheit Salzteig kennen gelernt, und Salzteig gehört ja nun völlig zu Recht zu den drei großen Etappen des kindlichen Basteltriathlons: Salzteig, Kastanienmännchen, Eier ausblasen. Salzteig kann man in jedem Haushalt herstellen, und bis auf den enormen Salzverbrauch spricht auch fast nichts dagegen. Das Ergebnis ist grobporig und kann in den Backofen gepackt und anschließend bemalt werden. Jedenfalls aber macht alles eine phantastische Sauerei!
Venus von Willendorf
Wenn Aliens eines Tages unsere Töpferwerke finden, werden sie denken, dass wir eine furchtbar primitive Existenz waren. Dennoch sind sie ein wichtiger Beweis unserer bastlerischen Schulkarriere. Schon aus diesem Grund ist es unseren Müttern hoch anzurechnen, dass sie auch diese Zeugen unserer künstlerischen Entfaltung stoisch entgegennahmen und aufbewahrten. Auch gebrannter Ton ist übrigens relativ porös und kann bei entsprechender Krafteinwirkung (zum Beispiel durch Hinunterfallen) in viele Scherben zerbrechen. Hier gab es sicher auch öfters Tränen und Enttäuschung, an die ich mich im Detail aber nicht mehr erinnern kann. Abschließend sei eine spezielle Art künstlerischer Kindsweglegung benannt, die in dieser Form nur im Töpferunterricht vorkommt: Die Verleugnung der Urheberschaft. Bevor die Geschirre zum Brennen gebracht werden, muss jeder Schüler seine Initiale in den Boden ritzen. Das eigene Werk soll schließlich nach der Rückkehr aus dem Brennofen auch wiedererkannt werden (und wahrhaftig sehen diese tönernen Pötte am Ende alle gleich aus). Das Kürzel verschwimmt beim Brennen manchmal ein wenig. Des Menschen Gemüt ist nun freilich wandelbar, nicht jedes Opus Magnum hält dem kritischen Blick des Künstlers auch im zweiten Anlauf noch so gut stand wie, sagen wir, eine riesige Schildkröte. Und so kam es nicht selten zu Dialogen wie diesen: „Sag mal, sind das nicht deine hier, die kleinen grauen, da steht doch dein Kürzel unten dran..??“ -„Nein bist du verrückt, das sind doch nicht meine! Meine waren viel schöner.“
Eine Werkschau mit Erinnerungstücken aus dem Werkunterricht der Volksschule, Unter- und Oberstufe in Vorarlberg 1992 – 2004
Alles fließt, sagt Heraklit
Die Schule soll einen auf das Leben vorbereiten. Zumindest steht das in einem Lehrplan für Volksschulen aus dem Kanton Thurgau, und diese Schweizer müssen es ja schließlich wissen. Dort gelandet bin ich überhaupt, weil ich wissen wollte ob heutzutage immer noch von Schülern erwartet wird, dass sie sich Dinge wie Zirkel, Wasserfarben, Schere, Kleber und andere Werkzeuge gefälligst selbst besorgen. Oder ob die Schulen sich dazu endlich einmal etwas überlegt haben, sagen wir, ein zentrales Lehrmitteldepot für solchen Krimskrams. Den pragmatischen Schweizern würde man so etwas Vernünftiges durchaus zutrauen, und Sie ahnen es vielleicht: Das ist von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt.
Und aus der Mitte entspringt ein Fluss
In der Volksschule machten wir Bekanntschaft mit dem flüssigen Element: Wasserfarben. Beim Wasserfärbeln lernt man viel über das Leben: „Gelb und blau gibt grün“ und andere fundamentale Farbgesetze geben Halt in künstlerisch unsicheren Zeiten, und dann stellt man ja auch ziemlich rasch fest, dass diese ganze Sache reichlich verlogen ist, denn diese Farben decken gar nicht wirklich! Sobald sie etwas angetrocknet sind, verwandelt sich das schöne Purpurrot und Azurblau in ein blässliches Altrosa und Grau: Frustrierend. Um sie überhaupt haltbar zu machen benötigt man Deckweiß, eine weitere Anschaffung auf der „Liste“ der Unterrichtsdinge. Bekanntlich hielt Goethe ja seine Farbenlehre für sein wichtigstes Werk, ein Umstand der unter Germanisten immer wieder für Spott sorgt und uns auch zu Recht zu denken geben sollte. Für das Malen mit Wasserfarben benötigt man jedenfalls immer einen gut gefüllten Becher Wasser, der hauptsächlich den Zweck hat zu völlig unpassenden Zeitpunkten umzukippen, um sich auf Werkbänke, Sitznachbarn und halbfertige Kunstwerke zu ergießen. Verschiedene technische Vorrichtungen zum „Verankern“ dieses Wasserbehältnisses existieren zwar, brachten meiner Meinung nach aber nicht den erhofften Erfolg.
Das Leben ist voller Enttäuschungen
Heute gibt es in vielen Schulen Werkräume, die bereits mit dem benötigten Material ausgestattet sind. Zu unserer Zeit musste man sich diese Dinge noch selbst besorgen. Und wir, also unsere Eltern, also wir, mussten zu Schulanfang noch eine lange mühselige Odyssee durch den Einzelhandel absolvieren, um für teures Geld mehrere „Dünnhaar-“ und „Borstenpinsel“ genau vorgeschriebener Stärke zu erwerben, außerdem Wasserfarben und Stifte (meist sogar einer speziellen Marke), sowie Deckweiß, Stanleymesser und Wachsmalstifte. Wohin dieses Instrumentarium über das Schuljahr hinweg jeweils verschwand, darüber kann man nur mutmaßen. Entweder wurden die Dinge aufgebraucht, gingen kaputt oder verloren und waren jedenfalls zuverlässig zu Schulende nicht mehr physisch vorhanden, weshalb sie für ein neues Schuljahr wieder angekauft werden mussten.
Es gab diese Kinder, die immer Schere und Kleb dabei hatten (ca. 2 Streber pro Klasse), die ihr Leben offenbar im Griff hatten, und die auch irgendwie arm dran waren, weil sie der Reihe nach immer allen ihren Kleb borgen mussten. Der erzieherische Effekt trat dadurch natürlich bei uns anderen nicht gerade ein, weshalb der ganze Rest fröhlich weiter borgte.
Notizblock aus Wachsbatik
Form follows function
In der Unterstufe stellten wir erstmals Dinge her, die dazu geneigt waren uns und unsere Umgebung zu verschönern. Darunter war zB ein Armband aus Kupferblech, das wir biegen, schleifen und lackieren mussten, nachdem wir unsere Namen oder andere kryptische Zeichen hinein geritzt hatten. Kupferblech ist ein sehr weiches Material, das darum gut bearbeitet werden kann. Trotzdem scheint es mir im Rückblick einigermaßen gewagt, dass wir mit den scharfkantigen Kupferteilen hantieren durften. Die unhandlichen Kupferschmuckstücke sahen ein bisschen aus wie atztekische Grabbeigaben, aber sie waren ein erster Anfang. Ein geschliffener Speckstein als Halskette war dann unser absolutes Lieblingsstück: Zum ersten Mal hatten wir etwas hergestellt, womit man richtig angeben konnte! Auch die anderen Sachen, die wir so um die 3. Klasse herum fertigten, erwiesen sich als durchaus tragbare Accessoires: In einem furchtbar stinkenden und grell gefärbten Waschküchen-Dampf entstanden schließlich unsere ersten Batik T-Shirts, die man dann noch mittels eines geschickten Knotens in Gürtelhöhe auf „bauchfrei“ trimmte. Es war die Zeit der Spice Girls und wir fanden das alle ungeheuer cool.
Beim Kerzen Ziehen bewiesen wir Geduld, galt es doch die langen Dochte (und möglichst nicht irgendwelche Körperteile) immer wieder und wieder in einen Bottich voll mit erhitztem Bienenwachs zu tunken. Es hatte etwas Hypnotisches, wir standen wie lethargische Angler um eine Regentonne, und entdeckten für uns den entspannenden Effekt der Wiederholung. Diese Bienenwachskerzen waren für mich auch eines der schönsten Werkstücke.
Lassen Sie sich nichts einreden: Diese sind gekauft!
Machen Sie das nicht zu Hause nach: Pappmachée
Den größten Eindruck machte eine Technik auf mich, die mit ungeheuren Mengen von Kleister operiert: Pappmachée! Mithilfe der Bindungskraft des Klebers lassen sich aus schichtweise aufgetragenen Zeitungs- oder gar Klopapierfetzen kleine Skulpturen, Laternen, Sparbüchsen, Obstschalen und viele andere nützliche Dinge herstellen. Arbeitet man dabei über einem Luftballon, entsteht durch das Auftragen des Pappmachées ein Halbrund oder sogar eine Kugel, die man durch Zerplatzen des Luftballons am Ende von ihrer Schablone befreit: Ein herrlicher Spaß! Die Kleisterverschmutzung der Umgebung ist hier enorm, oder wie der Schweizer sagen würde „maximal“, weshalb ich für entsprechende Experimente meiner künstlerischen Laufbahn in unsere Waschküche verbannt wurde.
Die Welt erkennen und beschreiben
Der Sannwald-Platz mit seinen Schornsteinen
Ungefähr zu dieser Zeit machten wir auch ein aus Holzteilen gesägtes Wandbild, das ein Gebäude zeigen sollte. Wahrscheinlich das erste Werk meiner grafisch-künstlerischen Laufbahn, dem ich eine Form von eigenem Ausdruck zusprechen würde: Ich entschied mich für eine Art Fabrikshalle im Industrie-Stil, mit Ziegeloptik, versetzten Schornsteinen und einem Wellendach. Ein Ensemble, von dem mir erst viel später dämmerte, wie sehr es der Sannwald-Textilfabrik in meiner Nachbarschaft glich. Dort wurden bis zum Konkurs der Firma im Jahr 1987 hauptsächlich Steppdecken hergestellt, und auf den stillgelegten Schornsteinen nisten nun die Störche.
Das geteilte Meer – Generation Youtube
Und dann fiel die Mauer. Das heißt, sie fiel nicht wirklich, denn das war ja schon geschehen, aber die Trennung zwischen Textilem und Technischem Werken wurde immer mehr aufgehoben. Wikipedia benennt dafür als Zeitpunkt schon die frühen 70er Jahre, räumt aber immerhin gnädig ein, dass es an einigen Schulen weit länger gedauert haben mag.. „Durch diese neue Form des Werkunterrichts kommen Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrem Geschlecht mit vielfältigen Inhalten, Techniken, Materialien und Problemstellungen in Kontakt. Das ermöglicht neue Kompetenzentwicklungen sowie erweiterte berufliche Perspektiven. Ziel dieser Zusammenführung ist es, den technischen und den textilen Bereich nicht als Widerspruch zu begreifen, sondern die Bereiche in einem gemeinsamen, prozessorientierten Unterricht füreinander fruchtbar zu machen. Durch die Positionierung des Werkunterrichts als Pflichtgegenstand wird anerkannt, dass beide ehemals getrennten Fachbereiche zentrale Inhalte für alle jungen Menschen beinhalten.“ (Lehrplan Technisches und textiles Werken in der NMS)
Vor langer Zeit ging man mit seinen Problemen in die Bibliothek oder den guten Buchhandel, und suchte ein passendes Sachbuch, in dem man mit viel Glück auch sinnvolle Hinweise fand. Wenn ich heute wissen will, wie man einen Keksteig zubereitet, Flecken aus Kleidung entfernt, oder eine spezielles Teil in der Spülmaschine austauscht, gehe ich ins Internet, und suche in erster Linie Videos, wo genau dasselbe Problem schon einmal besprochen und behoben wurde.
So vermag auch folgender Satz aus einer Handreichung zu Unterrichtsräumen nicht mehr sonderlich zu schockieren: „Für Internetrecherchen und zur Nutzung digitaler Lernsoftware wäre es ideal, im Werkraum einen Internetanschluss und als Hardware einen geeigneten Laptop zu besitzen.“
Eine Werkschau mit Erinnerungstücken aus dem Werkunterricht der Volksschule, Unter- und Oberstufe in Vorarlberg 1992 – 2004
Zweckfrei und formschön – Kunst ohne Auftrag
Die Bandbreite unseres Schaffens im Werkunterricht war gewaltig: Ungezählte Topflappen, Holzpuzzle und Töpferschalen wurden über die Jahre hinweg zu Weihnachten, Geburts- und BESONDERS Muttertagen strahlend überreicht, und von den Beschenkten mit angemessenem Ernst entgegengenommen. Manche dieser Kunstwerke waren funktionell offensichtlich misslungen und erregten eher Mitleid, andere waren einfach nur scheusslich: Zum fixen Repertoire vieler Schulen gehört etwa auch heute noch der sogenannte „Obstkorb“, für den aus Pappmachée Birnen, Äpfel und Bananen zu formen sind. Anschließend werden die Pappfrüchte bemalt, und auch bei herausragender Begabung erinnert das Ergebnis nicht selten an Exkremente, die man liebevoll in eine Schale drapiert hat.
Meine Mutter hat in unserer Familie für jene Art von nutzlosen Dekogegenständen, die man im Geschäft häufig in der Nähe der Kassa antrifft den Begriff „Stehrumski und Waschlappski“ etabliert.
Das Gewagte unserer Werkstücke lag aber gerade in ihrem Selbstzweck, es war Kunst ohne Auftrag. Oft waren die überreichten Gaben weder schön noch praktisch, aber wir hatten etwas dabei gelernt, und darauf waren wir stolz.
Handarbeit wird zum Luxus
Mit Recht würden vorangegangene Generationen feststellen, dass das „Trauma“ aus diesem Werkunterricht nichts anderes ist als ein Jammern auf sehr hohem Niveau: Schließlich wollte man uns Techniken zeigen, die praktisch, sinnvoll und brauchbar gewesen wären, wäre unsere Generation nicht von der Konsumgesellschaft mit all ihren kaufbaren Waren eingeholt und überholt worden. Die Lehrerinnen, die uns unterrichteten waren zum Teil noch in einer Zeit aufgewachsen, in der es auf diese Dinge ankam. Wer in Zeiten von Krieg und finanzieller Knappheit die zu klein gewordene Kinderkleidung nicht durch geschicktes „Auflassen“ oder Annähen von Säumen für eine weitere Saison tragbar zu machen wusste, war im wahrsten Sinne des Wortes arm dran. Von einem Onkel mütterlicherseits wird berichtet, dass er Sockenstricken konnte, was ihn in schwierigen Zeiten der Kriegsgefangenschaft zu einem beliebten Zellengenossen und Handelspartner gemacht haben soll. Dass Männer nicht mit Handarbeit in Verbindung gebracht werden ist ja überhaupt ein relativ junges Klischee der Neuzeit, denn noch vor Jahrzehnten war es völlig normal, dass auch die holde Männlichkeit schneiderte und nähte.
Zeiten ändern sich
Die „Häcklate“ und „Strickate“, wie man in Vorarlberg sagt (also das textile Handwerk) war lange Zeit aus keiner geselligen Zusammenkunft wegzudenken. Und wer alte Familienfotos durchsieht wird wohl auf vielen Bildern die Zeugen dieser Prä-Iphone-istischen Fingerbeschäftigung im Schoß anwesender Damen liegend erkennen. Meine Klassenkameradinnen und ich gehörten dagegen schon zu jener Generation, die auf diese Fertigkeiten nicht mehr angewiesen war, weil man es nicht mehr Not hatte. Wir waren die Internetgeneration. Wir lernten stattdessen, wie man auf Amazon schnell etwas bestellt, oder auf Plattformen wie ebay und willhaben geschickt am virtuellen Flohmarkt mitspielt.
Was hat mein Vater Fahrräder repariert, denke ich oft. Sieht man sich heute in der gebildeten Mittelschicht um, stellt man fest, dass die Anzahl der Leute, die ihrem Kind noch ein Fahrrad reparieren können wohl an einer Hand abgezählt werden kann. Und das ist ja eigentlich traurig. In meiner Generation wurde das Handarbeiten mit Wolle und Nähmaschine genauso wie das „Schrauben“ an elektronischen Geräten zu einem teuren und etwas spleenigen Hobby. Man gönnte sich das plötzlich, um vom bildschirmbetonten Arbeitsalltag abzuschalten. Abgesehen davon, dass es auch einfach Befriedigung verschafft und Spaß macht, etwas mit eigenen Händen zu erschaffen oder wiederherzustellen: Wir alle haben wohl tief in uns ein Bedürfnis nach schönen, wenn auch nicht immer gleich nützlichen Gegenständen in uns verborgen, das mittlerweile aber vorderhand von anderen Stellen befriedigt wird:
Und dafür, liebe Kinder, dafür hat der liebe Gott den IKEA gemacht
Die nachfolgenden Generationen waren nicht mehr darauf angewiesen, im Handarbeitsunterricht zweckfreie und formschöne Dekorationsgegenstände herzustellen. Man konnte sie schlicht und einfach kaufen. Ein schwedischer Einrichtungsgigant hatte möglich gemacht, wovon unsere Mütter lange Zeit nur träumen konnten; sämtliche tiefenpsychologischen Aspekte des Werkunterrichts waren in eine gesellschaftskonforme und konsumfreundliche Gegenwart überführt worden. Ob man sich nun über der Bauanleitung eines Rasmussen, Expedit oder Poäeng zur Weißglut ärgert, oder über den Maschen eines Patentmusterschals, das macht im Grunde kaum einen Unterschied. Und auch der sadistische Aspekt kommt dabei nicht zu kurz: Man kann heutzutage seinen Partner, Eltern oder wahlweise zur Verfügung stehende Familienmitglieder herrlich mit einem ausgedehnten Samstagseinkauf im Ikea und den unweigerlich folgenden Aufbauarbeiten an die Grenzen ihrer emotionalen Belastungsfähigkeit treiben, man muss dafür nicht mehr zwangsläufig zur Häkelnadel oder der kleinen Schraubzwinge greifen.
Wer es dann noch schafft, die erworbenen Schachteltürme nach dem Tetris-Prinzip im stets zu kleinen Kofferraum eines PKW zu verstauen, ohne danach direkt die Scheidung einzureichen, dem wüssten selbst die strengsten Handarbeitslehrerinnen unserer Vergangenheit in Sachen Frustrationstoleranz nur noch wenig beizubringen.
EXKURS „Es ist kein Raps und auch kein Senf“: über das Anlegen eines Herbariums Bald hier: „Das Haus ist eine Wunde, in der wir wühlen“. Vom Häuser räumen..
Dieser Tage sieht man wieder Kinder mit Laternen durch die Dunkelheit wandern, und es ist ein schöner Brauch. Das Wichtigste ist natürlich das gemeinsame Basteln der Laterne, das Singen der Lieder, aber auch die beruhigende Aussicht, dass in der Herbstdunkelheit ein Licht erstrahlt. Und wann darf man schon mal unter Elternaufsicht mit Feuer hantieren? – Kurz: Es ist für alle was dabei.
Basteldrama in mehreren Akten
Die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel hat vor Kurzem darauf hingewiesen, dass der geheime wahre Zweck von Rundkäseschachteln ihr Einsatz im Laternenbau sei, und sie vermutet hier zu Recht eine weltweite Verschwörung der Käsemafia. Tatsächlich zerfällt die Verpackung für Weichkäse in einen stabilen Kartonständer und einen passenden Ring, aus denen sich unter Einsatz eines Blattes Papier quasi fast automatisch eine Laterne bildet. Ein Mitgrund, warum hierzulande so gerne Käse gegessen wird. Man muss kein Vorarlberger sein, um das gut zu finden.
Im Familienleben können sich durchaus Dramen durch den Laternenumzug ergeben, die man in grobe Kategorien einteilen kann:
a) Die Laterne ist hässlich, brennt zum Kuckuck nochmal einfach nicht, oder geht rechtzeitig vor dem Laternenumzug kaputt (etwa weil das Kind sich mit seinem kompletten Körpergewicht darauf fallen lässt)
b) Das Kind ist am Tag des Laternenumzugs krank und kann nicht teilnehmen (sehr dramatisch, und da die Sache im November stattfindet auch nicht unwahrscheinlich)
c) Kind und Laterne sind heil, aber wichtige Bezugspersonen wie Eltern, Großeltern oder die Lieblingstante können zum Umzug nicht kommen und sehen das Kind nicht beleuchtet marschieren. Hier bietet der Alltag berufstätiger Familien eine unerschöpfliche Fülle von Möglichkeiten.
Rabimmel Rabammel! – Das Liedgut
Kinderfeste kommen mit dem passenden Liedgut. Für die Eltern ist das Liedgut nicht selten auch ein LEIDgut: Die Lieder sind mit eingängigen Melodien ausgestattet und nach einem einfachen Schema gereimt, sodass selbst weniger musikalische Kinder sie spätestens nach dem zweiten oder dritten Hören auswendig können, und in der Lage sind sie in Endlosschleife darzubieten, was auch geschieht. Die Freude der Eltern kennt keine Grenzen, und die Vorweihnachtszeit bietet ein reiches Repertoire, sie hat uns neben genannten Laternenliedern auch Gehirnspalter wie „Sankt Niklas ist ein guter Mann“ beschert. Weihnachtslieder kann man sowieso problemlos das ganze Jahr über singen, und nicht wenige Eltern wissen über ein Bruder-Jakob-Trauma von langen Autofahrten in den Süden zu berichten.
Lustig, lustig, trallalalala
Der Klassiker unter den Laternenliedern ist zumindest in Österreich: Ich geh mit meiner Laterne. Der Text ist bekannt, und scheint vor dem Horizont der Erwartungshaltung eines zuverlässigen Erzählers („und meine Laterne mit mir“?) höchst problematisch. Böse Zungen werden behaupten, dass man im besten Sinne „Illuminiert“ sein muss, um solche Zeilen zu dichten.. Selig scheint es in ihm selbst, um mit Staiger und Heidegger sprechen, und was Sigmund Freud mit seinem Ich und Über-Ich zur mitgehenden Laterne wohl gesagt hätte, äh naja. Aber das hier ist kein Wissenschaftsblog. Das Verhältnis des Ich zur Welt und zur Laterne ist komplex, und eine gesunde Prise Transzendenz ist im angebotenen Bedeutungsspielraum des Laternengeschehens (Licht/Dunkel/Sterne/Menschen/dort oben/wir hier unten) zweifellos gegeben.
In deutschen Schulen und Kindergärten hält man sich laternenseitig an einen anderen Titel namens „Laterne, Laterne, Sonne Mond und Sterne“, der als Ohrwurm nicht weniger schlimm ist, für das verwöhnte österreichische Ohr aber etwas weniger komplex und daher weniger raffiniert anmutet. Aber nach dem 10. Mal Hören ist auch das egal.
Laterne ist für kleine Kinder übrigens ein eher schwierig auszusprechendes Wort, weil es immerhin drei von vier Zungenspitzlauten (l,t,n) auf engem Raum zusammenprallen lässt. Das kindliche Ohr unterscheidet in den ersten Lebensjahren oft noch nicht so konsequent, was in meinem bescheidenen Fall dazu führte, dass ich als 3jährige begeistert „Natäääarrne, natäääarrne“ sang. Und Sie müssen sich das bitte hauptsächlich durch die Nase gesungen, mit tiefen bedeutungsvollen Schnappatmern vor jedem Wort vorstellen.
Kinder brauchen Rituale
Herausfordernd im Umgang mit Kindern ist ihre Eigenschaft in gewissen Lebensphasen etwas IMMER und IMMER wieder machen zu wollen. Nach dem Prinzip „Wiederholung macht glücklich“ werden zunächst Bauklötze und Handies zum Apportieren durch die Großeltern ausgestreut, später Spiele und Bücher bis zur Unendlichkeit wiedergekäut.
Ein zumindest unter Germanisten sehr bekanntes Buch trägt den Titel „Kinder brauchen Märchen“. In der Fachliteratur wurde spöttisch angemerkt, dass das an den Werbespruch “Hausfrauen brauchen OMO“ erinnere. Die Theorie besagt, dass Kinder diese naiven Gegensätze zwischen GUT und BÖSE für ihre Entwicklung bräuchten, das zur Strecke bringen des Bösewichts am Ende und die gerechte Bestrafung von schlechtem Handeln. Jetzt schadet das alles sicher nicht, um ein gesundes Weltbild zu entwickeln. Es klingt aber in der Tat ein bisschen zu logisch und gefällig, und wie bei allen Theorien, die furchtbar logisch klingen, ist Skepsis angebracht. Ob Kinder Märchen brauchen ist in der Psychologie nicht unumstritten, zumindest ist die Sache komplexer: Man muss den bösen Räuber vielleicht nicht erst vom Krokodil gefressen sehen, um zu kapieren, dass man anderen Kindern nicht mit der Schaufel auf den Kopf hauen soll. Wissenschaftlich erwiesen ist allerdings, dass grausige Märchen mit bösen Hexen traumatisierend sein können, was zu Einschlafschwierigkeiten bei Kind (und Eltern) führt.
Vielleicht brauchen Kinder keine Märchen, aber sie brauchen Rituale. Tatsächlich konnte ein kleines Baby aus unserem Freundeskreis am besten schlafen, wenn „Ich geh mit meiner Laterne“ angestimmt wurde. „Laterne“ war die Geheimwaffe für Härtefälle, die mehrere Abende und Autofahrten gerettet hat. Wir haben es sehr oft gesungen.
Die Idee für diesen Blogeintrag kam aber bei einem Gespräch mit Kolleginnen, in dem wir uns gemeinsam wunderten, wie gut und prägnant wir uns an die vielen, vielen Laternenumzüge unserer Kindheit erinnerten..konnten es wirklich so viele gewesen sein? Die Erklärung für diese Erinnerungsdichte war schnell geliefert: Nicht nur mir war der eine, einzige Umzug mit der mühsam gebastelten Laterne natürlich nicht genug. Es ist davon auszugehen, dass auch andere Kinder mehr oder weniger ganzjährig allabendlich mit ihrer Laterne ausrückten und durch die Nachbarschaft exerzierten, was in der Erinnerung zu einer Art immerwährenden Umzugserlebnis verschmolz..
Und manchmal entwickeln Kinder auch ihre ganz eigenen Rituale: Als Kaiserin Zita von Bourbon-Parma, die letzte Kaiserin Österreichs in hohem Alter verstarb und in der Kapuzinergruft ein großes Staatsbegräbnis erhielt, muss ich gerade 4 Jahre alt gewesen sein. Der Trauerakt wurde im Fernsehen übertragen, Zeitungen berichteten darüber und in den Medien war viel die Rede davon. Uns Kinder hat diese Feierlichkeit derart beeindruckt, dass wir sie zu Hause mit Puppen und Stofftieren nachspielten. Irgendjemand hatte eine leere Schachtel Ferrero Rocher aufgetrieben, die sich hervorragend als gläserner Puppensarg eignete. Es wurden Kränze geflochten und Gardinenstücke als Teppich für die Trauergäste ausgelegt, und so kamen unsere Eltern eines Tages nach Hause und wunderten sich, was wir im Garten herumzugraben hätten. Wir antworteten mit der Selbstverständlichkeit, die nur Kinder haben: „Wir beerdigen Kaiserin Zita!“. Wie oft wir Kaiserin Zita in Gestalt verschiedener toter Vögelchen, Hamster, Stoffbären und Puppen beerdigt haben weiß ich nicht mehr, Kaiserinnenbegräbis war jedenfalls eine zeitlang unser absolutes Lieblingsspiel. Irgendwann hatten wir ihren Verlust dann verkraftet. Naja, immerhin war sie schon 96.
Als Goschawealla bezeichnet der Vorarlberger kleine, lästige Wellen auf dem Bodensee, die einem beim Schwimmen die ganze Zeit ins Gesicht schwappen, als würde einem der See penetrante kleine Watschen verpassen. Dieses Phänomen begegnet nur bei einer bestimmten, mittelstarken Windlage, die im Prinzip gutes Segelwetter verheißt, zum Schwimmen aber nicht so ideal ist. Die Vorarlberger sagen dann: Hüt hats Goschawealla.
— Aus der Vorarlberger Mundart.
In einem übertragenen Sinn stehen sie in diesem Blog für kleine Erzählungen, Sprüche und Beobachtungen aus dem Alltag, die gerne etwas frech und ungefiltert daherkommen und den Leser ziemlich unvermittelt treffen; goschawealla eben.